Herz-Jesu Franziskaner


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UNBEFLECKTE EMPFAENGNIS TEIL 6

MUTTER GOTTES

XIII. Die Erbsünde und die kirchliche Lehre von der Immakulata

22 Doch, um nun zur Betrachtung der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau zurückzukehren, deren Geheimnis ja den Anlass für Unser Rundschreiben abgegeben hat, wie viele mächtige Beweggründe bietet uns gerade jenes Geheimnis, diese Tugenden zu bewahren und zu pflegen! - Was ist wohl das erste, womit hasserfüllte Glaubensfeinde ihre Irrtümer nach allen Seiten zu verbreiten suchen und leider bei vielen den Glauben erschüttern? Sie leugnen, dass der Mensch gefallen sei, gesündigt habe und so seiner ehemaligen Stellung verlustig gegangen sei. Deshalb sind für sie die Erbsünde und alle ihre schlimmen Folgen rein erdichtete Märchen, ebenso die Sündhaftigkeit und die Verderbtheit des Menschengeschlechtes in seiner Wurzel und ihre Ausdehnung auf alle Nachkommen. Nicht weniger belächeln sie die Tatsache, dass dieses Übel alle Menschen erfasste und so einen Erlöser notwendig machte. Die natürliche Folge solcher Voraussetzungen aber ist die, dass es für Christus, für Kirche, für Gnade und eine übernatürliche Ordnung keine Daseinsberechtigung mehr in der Welt gibt. Mit einem Worte, das ganze Gebäude des Glaubens ist dadurch völlig unterhöhlt. - Wenn hingegen die Menschen gläubig bekennen, dass Maria die Jungfrau im ersten Augenblick ihrer Empfängnis von aller Sündenmakel frei geblieben ist, so bedeutet das ebensoviel, wie die Erbsünde, die Erlösung durch Christus, das Evangelium, die Kirche und selbst das Gesetz des Leidens zugeben und annehmen. Dann ist aber auch dem Rationalismus und dem Materialismus jeder Grund entzogen, und die christliche Weltanschauung darf rühmend für sich in Anspruch nehmen, die Wahrheit verteidigt und geschützt zu haben.


XIV. Der Rationalismus und die Immakulata

Die Glaubensfeinde verfügen indessen über noch andere Mittel, um namentlich heutzutage den Glauben in den Herzen zu Grunde zu richten. Man kündigt nämlich der Autorität der Kirche wie schließlich überhaupt auch jeder menschlichen Autorität Ehrfurcht und Gehorsam auf und verleitet auch die Mitmenschen dazu. Hier stehen wir vor der Keimzelle des Anarchismus, dieser verabscheuungswürdigen Pest, wie sie verhängnisvoller für die natürliche und übernatürliche Ordnung in der Menschenwelt nicht sein kann. Auch diese für die staatliche und kirchliche Ordnung so gefährliche Zeiterscheinung richtet sich im Grunde gegen den Glaubenssatz von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter; denn gerade diese Lehre verpflichtet uns, der Kirche nicht bloß über unseren Willen, sondern auch über unsern Verstand bestimmenden Einfluss einzuräumen. Und weil wir so auch unseren Verstand in Zucht nehmen, begrüßt das christliche Volk die Gottesmutter mit den Worten:
"Ganz schön bist du, Maria, und die erbliche Makel ist nicht in dir [32]." - So bewahrheitet sich auch der glorreiche Lobpreis, den die Kirche mit Recht der hehren Jungfrau spendet, "dass sie nämlich alle Irrlehren der Welt vernichtet hat".

23 Der Glaube aber ist, wie der Apostel sagt, "das feste Vertrauen auf das, was man erhofft" [33]. Wenn wir also durch die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau in unserem Glauben bestärkt werden, so gilt dies selbstverständlich erst recht für die Hoffnung. Und dieses umso mehr, da Maria ja nur deswegen von der Erbsünde bewahrt wurde, weil sie Mutter Christi sein sollte; Mutter Christi wurde sie aber, damit in uns die Hoffnung auf die ewigen Güter neu geweckt würde.


XV. Die Immakulata führt zur Gottesliebe

24 Über die Liebe zu Gott brauchen wir keine Worte zu verlieren. Eine besondere Erwägung indessen verdient, wie die Betrachtung der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau uns aufmuntern kann zur Beobachtung jenes Gesetzes, das Jesus mit Vorzug sein Gebot genannt hat, nämlich das Gebot, dass wir einander lieben sollen, wie er selbst uns geliebt hat. - "Ein großes Zeichen", so beschreibt der Apostel Johannes das ihm zuteil gewordene Gesicht, "ein großes Zeichen erschien am Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, den Mond zu ihren Füßen, und eine Krone von zwölf Sternen auf ihrem Haupte [34]." Jeder aber weiß, dass diese Frau niemand anderen bedeutet als Maria, die als unversehrte Jungfrau Christus, unser Haupt geboren. "Und die Frau" so fährt der Apostel fort, "war gesegneten Leibes und schrie in ihren Wehen und Geburtsnöten" [35]. Der Apostel sah also die heilige Gottesmutter, obwohl sie bereits beseligt im Himmel war, doch an geheimnisvollen Geburtswehen leiden. Was für eine Geburt mag damit wohl gemeint sein? Zweifellos handelt es sich um die Geburt von uns selbst, die wir, in der irdischen Verbannung noch zurückgehalten, erst zur vollkommenen Liebe Gottes und zur ewigen Glückseligkeit geboren werden müssen. Die Geburtswehen Mariens aber veranschaulichen ihre Liebe und ihr Bemühen, mit denen die Jungfrau auf dem Himmelsthron wacht und durch ihre fortwährende Fürbitte zu bewirken sucht, dass die Zahl der Erwählten ihr Vollmaß erreiche.


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