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MUTTER GOTTES
VI. Maria, Mutter Jesu und Mutter der Gläubigen
8 Deshalb besitzt auch, wie Wir schon angedeutet haben, niemand mehr Macht, die Menschen mit Christus zu vereinigen, als diese Jungfrau. Nach Christi Wort ist dies "das wahre Leben, dass sie dich erkennen, den einzigen wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus" [6]. Da wir aber durch Maria zur lebendigen Erkenntnis Christi gelangen, so werden wir auch umso leichter durch sie das Leben gewinnen, dessen Quelle und Beginn eben Christus ist.
9 Wie werden wir aber erst in dieser Hoffnung bestärkt, wenn wir überdenken, wie viele mächtige Gründe für Maria selbst bestehen, uns die Herrlichkeiten dieser Gnaden zu vermitteln!
10 Oder ist Maria nicht die Mutter Christi? Dann ist sie aber auch unsere Mutter. - Gehen wir zunächst von jener Grundwahrheit aus, die jeder festhalten muss: Jesus, das menschgewordene Wort, ist der Erlöser des Menschengeschlechtes. Wenn er nun als Gottmensch, wie alle anderen Menschen, einen ganz bestimmten Leib angenommen hat, so verfügt er als Erlöser unseres Geschlechtes ebenso über einen geistigen oder mystischen Leib; dieser mystische Leib ist die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben. "Wir, die vielen, sind ein Leib in Christus [7]." Nun aber hat die Jungfrau den ewigen Sohn Gottes nicht bloß empfangen, damit er die menschliche Natur annehme und so nur Mensch sei, sondern dass er durch die Annahme dieser Menschennatur aus ihr auch der Erlöser der Menschen würde. Deshalb sagte der Engel den Hirten: "Heute ist euch geboren der Erlöser, welcher ist Christus der Herr [8]." In einem und demselben Schoße der reinsten Mutter hat er Fleisch angenommen und sich zugleich einen geistigen Leib beigefügt, der aus denen besteht, "die an ihn glauben würden". So kann man mit Recht sagen: Dadurch, dass Maria in ihrem Schoß den Erlöser umschloss, trug sie in demselben auch die, deren Leben in das Leben des Erlösers einbezogen war. Wir alle also, die wir mit Christus vereinigt und nach den Worten des Apostels "Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und seinem Gebein" [9] sind, sind gleichsam aus dem Schoße Mariens hervorgegangen als ein Leib, der mit dem Haupte vereinigt ist. Somit heißen wir geistiger- und mystischerweise mit Recht Kinder Mariens, und sie ist unser aller Mutter: "Mutter freilich dem Geiste nach, aber doch durchaus Mutter der Glieder Christi, die wir sind" [10].
11 Die allerseligste Jungfrau ist also zugleich Mutter Gottes und Mutter der Menschen. - Ohne Zweifel wird sie deshalb alles aufbieten, damit Christus, "das Haupt des Leibes, der Kirche" [11], uns als seinen Gliedern alle seine Gnadenschätze mitteile, vor allem, damit wir ihn erkennen und "durch ihn leben" [12].
VII. Die Anteilnahme Mariens am Leiden Christi
12 Zum Lobpreis der heiligsten Gottesgebärerin gehört nun nicht bloß, dass sie "dem eingeborenen Sohne Gottes, der mit menschlichen Gliedern geboren werden sollte, die Materie ihres Fleisches bot" [13], um aus demselben die Opfergabe zu bereiten für das Heil der Menschen, sondern dass sie auch das Amt übernahm, dieses Opferlamm zu hüten und zu ernähren, ja es zu seiner Zeit zum Opferaltar hinzugeleiten. So also bestand zwischen dem Sohn und der Mutter eine ununterbrochene Gemeinschaft im Leben und Leiden, und von beiden gilt das Wort des Propheten: "Mein Leben verging in Schmerz und meine Jahre in Seufzern [14]." Als nun das Lebensende ihres Sohnes herankam, "stand neben dem Kreuze Jesu sie", seine Mutter. Und zwar war sie keineswegs wie benommen von dem Entsetzlichen, was sie schauen musste, sondern sie empfand sogar noch Freude, "dass ihr Eingeborener für das Heil des Menschengeschlechtes zum Opfer dargebracht wurde; allerdings litt sie so sehr mit, dass sie, wenn dies möglich gewesen wäre, alle Marter ihres Sohnes von Herzen gern mitgelitten hätte" [15]. Durch diese Teilnahme am Leiden und Willen Christi verdiente Maria, dass auch sie mit Recht "die Wiederherstellerin der verlorenen Menschenwelt" wurde [16] und deshalb auch zur Ausspenderin aller Gnadenschätze, die Christus durch seinen Tod und sein Blut erkaufte, berufen wurde.
13 Damit wollen Wir nicht gesagt haben, dass die Verleihung dieser Gnaden nicht eigentlich und rechtmäßig Christus zustehe; er ausschließlich hat durch seinen Tod die Gnaden uns erworben, und er ist von Amts wegen der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Aber infolge dieser Teilnahme der Mutter an den Leiden und Bedrängnissen des Sohnes ist der hehren Jungfrau das Vorrecht geworden, "bei ihrem Sohn nun die mächtige Mittlerin und Versöhnerin der ganzen Welt" zu sein [17].
Christus ist die Quelle, "aus deren Fülle wir alle empfangen haben" [18]: "Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch das Band, das Dienst tut ... und so erhält der Leib Wachstum zu seinem Aufbau in Liebe" [19].
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