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ROSENKRANZ TEIL 5

MUTTER GOTTES

Denn was die äußern und zeitlichen Güter der Kirche betrifft, so ist es allbekannt, daß sie es öfter mit Widersachern zu tun hat, welche an übler Gesinnung und Macht alles überbieten. Höchst schmerzlich ist es für sie, daß diese ihre Hilfsquellen geraubt, ihre Freiheit beschränkt und unterdrückt, ihr Ansehen geschädigt und verachtet, kurz, ihr viele Nachteile und Feindseligkeiten aller Art zugefügt haben. Fragt man nach dem Grunde, warum ihre Ruchlosigkeit nicht bis zum Grade des Unrechts, den sie im Schilde führen und anstreben, endlich zur völligen Tat fortschreite, die Kirche hingegen bei so vielen Wechselfällen immer in ihrer bekannten gleichen Großartigkeit und Herrlichkeit, obwohl in verschiedener Weise, erhaben dasteht und sogar noch Zuwachs gewinnt, so trifft man das Richtige, wenn man die vorzüglichste Ursache der beiden Erscheinungen von der Kraft des flehentlichen Gebetes der Kirche zu Gott herleitet. Denn die menschliche Vernunft begreift es nicht zu Genüge, wie die gebieterische Nichtswürdigkeit auf ein so begrenztes Gebiet beschränkt bleibt, die Kirche hingegen, in die Enge getrieben, nichtsdestoweniger so großartig obsiegt. Eben dies ist um so eher bei den Gütern jener Art der Fall, durch welche die Kirche die Menschen zunächst zur Erreichung ihres höchsten Zieles hinführt. Da dies nämlich die Aufgabe ihres Daseins ist, muß sie durch ihre Gebete viel vermögen, auf daß die Ordnung der göttlichen Vorsehung und Barmherzigkeit gegen die Menschen einen vollständigen Erfolg habe. Daher kommt es, daß dieselben ihr Gebet mit der Kirche und durch die Kirche endlich Erhörung finden und das erhalten, was der "allmächtige Gott von Ewigkeit zu geben beschlossen hat" [11]. In den erhabenen Ratschlägen der göttlichen Vorsehung reicht die Schärfe des menschlichen Geistes in der Gegenwart nicht hin. Aber dereinst wird die Zeit kommen, wo Gott selbst nach seiner Güte die Ursachen und Folgen der Dinge offen darlegt, und wo es klar zutage tritt, welch mächtigen Einfluß in dergleichen Dingen die Verrichtung des Gebetes hatte und wie nützlich es zur Erhörung war. Offenbar wird es werden, daß diese Wirkung dadurch erzielt wurde, daß sich viele bei einer so großen Verderbnis der entarteten Zeit unversehrt und unverletzt erhalten haben "von jeder Befleckung des Fleisches und Geistes, indem sie vollendeten die Heiligkeit in der Furcht Gottes" [12]; ferner daß andere, nahe daran, dem Laster zu frönen, auf der Stelle sich beherrschten und gerade aus der Gefahr und Versuchung einen großen Zuwachs an Tugend gewannen; endlich daß andere, die gefallen waren, ein gewisser innerer Trieb bestimmte, sich zu erheben und der Umarmung des erbarmenden Gottes entgegenzueilen. - Wir bitten und beschwören daher dringend alle, in Erwägung dessen den Verführungskünsten des alten Feindes nicht nachzugeben und aus gar keiner Ursache vom Gebetseifer abzulassen, sondern beständig darin zu verharren, " ohne Unterlaß" zu beharren. In erster Linie sollen sie bekümmert sein, ihr höchstes Ziel, das ewige Heil aller und die unversehrte Erhaltung der Kirche zu erflehen. An zweiter Stelle ist es erlaubt, um die übrigen Güter, die zum Genusse und zur Bequemlichkeit des Lebens dienen, zu Gott zu bitten, wenn sie sich nur mit seinem bestgemeinten Willen beruhigen und ihm in gleicher Weise, ob er das Gewünschte gewährt oder verweigert, als ihrem allgütigen Vater Dank sagen. Endlich sollen sie mit der größten gebührenden und schuldigen Ehrfurcht und kindlicher Ergebenheit mit Gott verkehren, wie es die hl. Männer gewohnt waren und unser heiligster Erlöser und Meister selbst getan hat, "mit starkem Geschrei und mit Tränen" [13].

11 Hier erfordert es Pflichtgefühl und väterliche Liebe, daß Wir auf sämtliche Söhne der Kirche nicht bloß den Geist des Gebetes, sondern auch der heiligen Bußfertigkeit von Gott, dem Spender des Guten, herabflehen. Indem Wir dies mit ganzer Seele tun, fordern Wir alle insgesamt und einzeln gerade zu dieser, mit der zweiten eng verbundenen Tugend mit gleichem Eifer auf. Das Gebet bewirkt nämlich, daß die Seele aufrecht erhalten, zu mutigen Taten angeleitet und zum Göttlichen erhoben wird. Die Buße aber bewirkt, daß wir uns selbst beherrschen, besonders den Leib, der infolge des Sündenfalles der beschwerlichste Feind der Vernunft und des evangelischen Gesetzes ist. Diese Tugenden hängen, wie leicht ersichtlich ist, aufs innigste miteinander zusammen, unterstützen sich wechselseitig und streben einmütig nach demselben Ziele hin, daß sie für den Himmel geborenen Menschen von den hinfälligen Dingen abziehen und fast zum himmlischen Verkehr mit Gott emporheben. Wessen Seele hingegen von Begierlichkeit erglüht und von sinnlichen Reizen verweichlicht ist, der empfindet im nüchternen Zustand einen Widerwillen gegen die Süßigkeit der himmlischen Dinge, und sein Gebet ist nur ein frostiger und leerer Schall, fürwahr unwürdig, daß Gott es erhöre. - Vor Augen schweben die Bußbeispiele von Heiligen, deren Bitten und Flehen, wie der kirchliche Festkalender berichtet, gerade deshalb Gott absonderlich gefielen und sogar Wunderkraft besaßen. Geist, Herz und Gelüste hielten sie beständig im Zaune und in der Gewalt; der Lehre Christi, sowie den Lehrsätzen und Vorschriften der Kirche hingen sie gewöhnlich mit der größten Einstimmigkeit und Demut an; Neigungen und Abneigungen richteten sie nur nach Erforschung des Willens Gottes ein; in ihren Handlungen schauten sie einzig und allein auf die Vermehrung seiner Ehre, ihre Begierlichkeiten hielten sie streng in Schranken und bewältigten sie, ihren Körper behandelten sie hart und schonungslos, von Ergötzlichkeiten unschuldiger Art enthielten sie sich um der Tugend willen. Daher konnten sie mit Recht das Wort des Apostels Paulus auch auf sich anwenden: "Unser Wandel ist im Himmel" [14]; und eben deshalb besaßen ihre Bittgebete so große Wirkungskraft, um von Gott Versöhnung und Erhörung zu erlangen. - Daß dies nicht alle insgesamt in dem Grade vermögen aber schuldig sind, springt in die Augen; daß jedoch ein jeder durch entsprechende Züchtigung sein Leben und seine Sitten verbessere, das fordern die Maßnahmen der göttlichen Gerechtigkeit, welcher genaue Genugtuung für die Vergehen zu leisten ist.



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