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ROSENKRANZ TEIL 2

MUTTER GOTTES

Diese großen Lehren christlicher Weisheit haben alle jene stets festgehalten und gewissenhaft beobachtet, welche den christlichen Namen durch entsprechende Tugend öffentlich bekannten. Ihre Gebete zu Gott waren in der Regel umso inständiger und häufiger, wenn die hl. Kirche oder ihren obersten Lenker ein Unglücksschlag durch Trug und Gewalt verruchter Menschen Traf. - Hierfür haben wir bei den Gläubigen der aufkeimenden Kirche ein glänzendes Beispiel, welches wohl verdient, allen Gläubigen der Folgezeit vor Augen gestellt zu werden. Petrus, der Statthalter Christi des Herrn, der oberste Vorsteher der Kirche, war auf Geheiß des lasterhaften Herodes in Ketten geworfen worden und zu sicherem Tode bestimmt. Um daraus zu entkommen, dafür wusste niemand Rettung, niemand Hilfe; doch jene Hilfe fehlte nicht, welche das heilige Gebet von Gott erlangt. Denn die Kirche brachte die inständigen Gebete für ihn dar, wie die heilige Geschichte erzählt, wo es heißt: "Das Gebet zu Gott aber wurde von ihm ohne Unterlaß von der Kirche dargebracht." [3] Ja der Gebetseifer trieb alle desto glühender an, je heftiger sie der Kummer über so eine große Trübsal krankte. Wie aber ihr Gebet Erfüllung fand, ist allbekannt: des Petrus wunderbare Befreiung feiert das christliche Volk immer mit freudigem Gedächtnis. - Ein glänzenderes und göttliches Beispiel aber hat Christus gegeben, um seine Kirche dadurch nicht bloß durch Vorschriften, sondern auch an seiner eigenen Person zu jeder Heiligkeit zu bilden und anzuleiten. Er, der sein ganzes Leben über so häufig und inständig mit dem Gebete beschäftigt gewesen, er flehte in seinen letzten Stunden, als seine Seele in den Garten Getsemani in unermesslicher Bitterkeit zerfloß und bis zum Tode ermattete, zum Vater, ja er betete nicht bloß, sondern "betete noch inständiger" [4]. Dies tat er aber wahrlich nicht für sich, da er als Gott kein Bangen und Verlangen hatte, sondern er tat es für uns, er tat es für seine Kirche, deren künftige Tränen er schon damals gern und freiwillig annahm und gnadenreich machte.

4 Sobald aber durch das Geheimnis des Kreuzes das Heil unseres Geschlechtes gewirkt und die Kirche während des Triumphes Christi als Verwalterin dieser Heilsgnade auf Erden gegründet und gehörig eingerichtet war, seit dieser Zeit hat durch die Vorsehung Gottes eine neue Ordnung für das neue Volk den Anfang genommen und Geltung erlangt. - Die göttlichen Ratschlüsse soll man mit großer Ehrfurcht betrachten. Als der ewige Sohn Gottes die menschliche Natur zur Erlösung und Zierde des Menschen annehmen wollte und deshalb einen geheimnisvollen Ehebund mit dem gesamten Menschengeschlechte einzugehen beabsichtigte, vollführte er dies nicht eher, als bis die freie Zustimmung seiner erwählten Mutter eingetreten war, als bis die freie Zustimmung seiner erwählten Mutter eingetreten war, welche gewissermaßen die Person des Menschengeschlechtes vorstellte nach dem lichtvollen und zutreffenden Ausspruche des Aquinaten: "Durch die Verkündigung wurde die Zustimmung der Jungfrau anstatt des ganzen Menschengeschlechtes erwartet." [5] Infolgedessen kann man ebenso richtig und im eigentlichen Sinne behaupten, daß uns von jenem überaus großen Schatze jeglicher Gnade, welche der Herr brachte, "da ja Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus geworden ist" [6], nach dem Willen Gottes alles nur durch Maria verliehen wurde, so daß sie zum höchsten Vater niemand kommen kann als durch den Sohn, so ungefähr zu Christus kommen kann als durch die Mutter. - Wie groß ist die Weisheit und Barmherzigkeit Gottes, welche bei diesem Ratschluss zu Tage tritt! Wie angemessen ist er für die menschliche Schwäche und Gebrechlichkeit! Gläubig lobpreisen wir seine unendliche Güte, gläubig schauen wir aber auch seine unendliche Gerechtigkeit. Den wir als liebevollsten Erlöser, der Blut und Leben opferte, wieder lieben, vor eben demselben als unerbittlichem Richter ist uns bang. Darum haben wir, über das Bewusstsein unserer Taten ängstlich, durchaus einen Fürbitter und Beschützer nötig, der durch die große Gnade, in der er steht, bei Gott mächtig ist und so große Herzensgüte besitzt, daß er keinem in größter Verzweiflung den Schutz versagt und die Betrübten und Darniederliegenden zur Hoffnung auf die göttliche Milde erhebt. Das ist in ausgezeichneter Weise Maria. Sie ist nämlich mächtig, die Mutter des allmächtigen Gottes, aber was noch süßer klingt, gefällig, höchst gütig und nachsichtig. Als solche hat sie uns Gott verliehen, und ihr hat er eben dadurch daß er sie als Mutter seines eingeborenen Sohnes erkor, ganz mütterliche Gefühle eingeflößt, die nichts anderes atmen als Liebe und Verzeihung. Als solche hat sie uns Jesus Christus durch sein Handeln gezeigt, als er nach eigenem Willen Mariä untertan und gehorsam sein wollte, wie ein Sohn seiner Mutter. Als solche hat er sie vom Kreuze aus verkündet, als er ihr in seinem Jünger Johannes das gesamte Menschengeschlecht zur Obsorge und Pflege anvertraute. Als solche hat sie sich endlich selbst bewährt, indem sie jenes von ihrem sterbenden Sohne hinterlassene, unendlich mühevolle Erbe hochherzig übernahm und sogleich ihre Mutterpflichten gegen alle auszuüben begann.



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