Herz-Jesu Franziskaner


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LITURGIE TEIL 16

STUDIUM

Memento etiam

Nachdem wir für uns den Gnadensegen des Himmels erbeten haben, gedenken wir im Memento etiam all derer, die selbst das Sakrament nicht mehr empfangen können, der Gnadenstrom vom Altar möge auch die Verstorbenen erreichen. Während im Memento vor der Wandlung das Mitopfern der Lebenden erwähnt wurde (qui tibi offerunt), wird im Memento nach der Wandlung deutlich, daß die Verstorbenen selbst nicht mehr opfern können, sondern nur noch der Opferfrüchte teilhaftig werden.
In der Formulierung qui nos praecesserunt (= die uns vorangegangen sind) liegt nicht nur der Ausdruck von enger Zusammengehörigkeit mit der leidenden Kirche im Fegfeuer, sondern es ist zugleich für die streitende Kirche eine deutliche Mahnung an den Tod: "Seid auch ihr bereit, denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet." (Mt 24,44) Bei der Bezeichnung mit dem signum fidei, dem Zeichen des Glaubens, denken wir an das Taufsiegel, welches auch unserer Seele eingeprägt ist als Zeichen unbedingter Zugehörigkeit und unverbrüchlicher Treue zu Christus und seiner Kirche. Der Zustand der Seelen im Fegfeuer wird sehr positiv beschrieben als ‚Schlaf des Friedens' (dormiunt in somno pacis). Der Friede ist ihnen gesichert und sie harren ihrer vollen Erlösung entgegen. Wohl sind sie noch nicht am Ziel, aber auf dem Weg, auf dem sie das Ziel nicht mehr verlieren können. "Selig die Toten, die im Herrn sterben von nun an! Wahrlich, spricht der Geist, sie werden ausruhen von ihren Mühen; denn ihre Werke folgen ihnen nach." (Offb 14,13)
Die himmlische Seligkeit wird dreifach umschrieben als Ort erfrischender Kühle (locus refrigerii), des Lichtes und des Friedens. Die erfrischende Kühle mag darauf hindeuten, daß die läuternden Strafen des Fegfeuers beendet sein werden: "Transivimus per ignem et aquam: et eduxisti nos in refrigerium. - Durch Feuer und Wasser sind wir geschritten: und du hast uns hinausgeführt zum Ort der Erfrischung." (Ps 65,12 Vulg) Auch denken wir an die Bitte des reichen Prassers im Gleichnis vom armen Lazarus: "Als er in der Unterwelt in der Qual seiner Schmerzen seine Augen erhob, sah er Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende den Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge erfrische; denn ich leide große Pein in dieser Glut." (Lk 16,23 f.) Als Ort des Lichtes erscheint das himmlische Jerusalem als Bild der Vollendung der Kirche auch in der Apokalypse: "Die Stadt bedarf weder der Sonne noch des Mondes, daß sie scheinen in ihr; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtete sie, und ihre Leuchte ist das Lamm." (Offb 21,23) Auch werden wir an den herrlichen Vers des 36. Psalmes erinnert: "Am Reichtum deines Hauses laben sie sich, mit dem Strom deiner Wonnen tränkst du sie. Ja, bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Lichte schauen wir Licht." (Ps 36,9 f)
Schließlich sei noch hingewiesen auf die Verneigung des Hauptes bei den Worten Per eundem Christum, Dominum nostrum. Diese Verneigung ist nicht unmittelbar vom Text her zu erklären, da der Name Jesus ja gar nicht genannt wird. Statt dessen finden wir eine einleuchtende allegorische Deutung: Der Priester neigt das Haupt, um den Tod Christi darzustellen, welcher ebenfalls inclinato capite (vgl. Joh 19,30) starb. "Sterbend hat Christus am Kreuze sein Haupt geneigt und ist dann in die Tiefe des Totenreiches hinabgestiegen, um die Frommen der Vorzeit dort zu trösten und aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Daran will der Priester nun erinnern durch Neigung seines Hauptes, da er ja hier für alle in Christus Ruhenden betet und fleht." (Gihr, ebd. S. 635)


Nobis quoque

Zum Nobis quoque peccatoribus erhebt der Priester ein wenig seine Stimme und schlägt sich mit der rechten Hand an die Brust. Der Anfang wird laut gesprochen, weil es sich hier um die Bitte des Priesters für sich selbst und für den anwesenden Klerus handelt. Es ist eine Aufforderung an die Umstehenden, sich in Reue dem Gebet und der Bußgesinnung des Priesters anzuschließen. Das Klopfen an die Brust ist an dieser Stelle aber nicht nur Ausdruck von Reue und Zerknirschung. Vielmehr deuten wir es in direkter Anknüpfung an die Allegorese der Neigung des Hauptes im vorherigen Gebet, denn gleich nach dem Sterben Jesu lesen wir: "Als der Hauptmann sah, was geschah, pries er Gott und sprach: ‚Wirklich, dieser Mensch war ein Gerechter!' Und all die Volksscharen, die sich zu diesem Schauspiel eingefunden hatten und sahen, was vorging, schlugen an die Brust und gingen von dannen." (Lk 23,47 f.)
In den Worten "die auf Deine überreiche Barmherzigkeit vertrauen" entdecken wir einen starken Anklang an den Psalm Miserere, den König David anstimmte, nachdem er schwer gesündigt hatte: "Secundum multitudinem miserationum tuarum, dele iniquitatem meam. - Gemäß Deiner überreichen Barmherzigkeit, tilge mein Vergehen!" (Ps 50,3 Vulg) In der Bitte um Anteil und Gemeinschaft mit der triumphierenden Kirche findet sich die Wendung partem aliquam: Angesichts unserer sündigen Verfassung bitten wir in Demut wenigstens um einen kleinen Teil, eingedenk des Psalmwortes "Wahrlich, lieber ein Tag in deinen Vorhöfen als tausend in meiner Freiheit! Lieber auf der Schwelle liegen am Hause meines Gottes als in den Zelten des Frevels wohnen!" (Ps 84,11)
Angeführt von Johannes dem Täufer werden nun 14 Märtyrer aufgelistet: 7 Männer und 7 Frauen. Aus der Zahl dieser Heiligen sei hier nur einer besonders herausgegriffen: Ignatius, Bischof von Antiochien, starb im Jahr 107 in Rom den Martertod. Von seiner letzten Reise nach Rom besitzen wir noch einige Briefe, von denen besonders der Brief an die römische Christengemeinde in eindrucksvoller Weise von seiner Opfergesinnung zeugt. Aus Sorge, die römischen Christen könnten versuchen, sein Martyrium zu verhindern, schrieb er: "Ihr könnt mir nicht besser eure zärtliche Liebe beweisen, als wenn ihr es geschehen laßt, daß ich mich zum Opfer weihe - jetzt, wo der Altar errichtet ist: begnügt euch, im heiligen Chore der Liebe Dank zu singen dem Vater in Christo Jesu. Wohl mir, wenn ich der Welt untergehe, um für Gott aufzugehen! Lasset mich den Tieren zur Speise werden, damit ich durch sie zu Gott gelange. Ich bin der Weizen Gottes und muß durch die Zähne der Tiere gemahlen werden, um reines Brot Christi zu sein. Feuer und Kreuz, Scharen wilder Tiere, Zerreißung des Leibes, Zerstückelung meiner Glieder, Zermalmung meiner Gebeine, - kurz, was immer der Teufel an Qualen ersinnen kann, alles möge über mich kommen, wenn ich nur Jesum Christum gewinne. Alle Vergnügungen der Erde achte ich für nichts, für nichts alle Königreiche der Welt: besser ist es für mich, zu sterben für Jesus Christus, als zu herrschen über alle Grenzen der Erde. Lasset mich nachahmen das Leiden meines Gottes. Meine Liebe ist ja gekreuzigt. Kein Feuer glüht in mir, das nach dem Irdischen zielt, sondern ein Quell lebendigen Wassers sprudelt in meinem Herzen und ruft mir zu: Komm zum Vater! Nur das Brot Gottes verlange ich, das Himmelsbrot des Lebens, welches ist das Fleisch Jesu Christi, des Sohnes Gottes: nur den Trank verlange ich, sein Blut, welches ist die unvergängliche Liebe und das ewige Leben!" (Ignatius von Antiochien, Brief an die Römer)
In der abschließenden Bitte um Aufnahme in das Consortium Sanctorum (= Lebens- und Gütergemeinschaft mit den Heiligen) werden wir erinnert an das Wort des heiligen Apostels Paulus: "Möget ihr in Freude Dank sagen dem Vater, der uns befähigt hat, Anteil zu erhalten am Erbe seiner Heiligen (in partem sortis sanctorum) im Lichte." (Kol 1,12)

Abschließende Gebete des Kanons

Per quem haec omnia

Die folgende Kanonstrophe führt uns zu einer interessanten liturgiegeschichtlichen Entdeckung. Sie ist offen für eine Deutung in zwei Richtungen. Zuerst beziehen wir die Worte haec omnia direkt auf die eucharistischen Elemente. Wenn wir lesen, daß Gott die Gaben heiligt, belebt und segnet, dann deuten wir dies so: Die Heiligung der Opfergaben hat sich auf höchstmögliche Weise erfüllt in der Wesensverwandlung von Brot und Wein in den Opferleib und das Opferblut Jesu. Durch die Wandlung wurden die ‚leblosen' materiellen Gaben ‚belebt': "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn einer von diesem Brote ißt, wird er leben in Ewigkeit, und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt." (Joh 6,51)
Die heilige Wandlung ist die große und unüberbietbare Segnung schlechthin. Alle anderen kirchlichen Segnungen sind an diese höchste Segnung angelehnt: Die äußeren Gaben von Brot und Wein sind gleichsam die Repräsentanten der ganzen sichtbaren Schöpfung. Wenn auch nur sie diesen höchstmöglichen Segen empfangen, so wird doch in ihnen stellvertretend auch die natürliche Welt gesegnet. Deshalb deuten wir das haec omnia nicht nur auf die eucharistischen Gaben, sondern ebenso auf die Gaben der Natur. Tatsächlich fand zu bestimmten Zeiten in der Geschichte und an bestimmten Festen unmittelbar vor dem Per quem haec omnia die Segnung verschiedener Naturalien statt. In dem von Papst Gelasius (492 - 469) verfaßten Sacramentarium Gelasianum lesen wir an dieser Stelle die Anordnung, daß kurz vor Ende des Meßkanons Früchte zu segnen seien. ("Inde vero modicum ante expletum Canonem benedices fruges novas.") Darauf folgt eine Segensformel, welche abschließt mit den Worten: "... in nomine D. N. I. Ch. per quem haec omnia ..." (vgl. Gihr, Das heilige Meßopfer, Herder-Verlag Freiburg 1902, S. 651, Fußnote 3). Daraus kann man schließen, daß ursprünglich das Per quem eine feststehende Schlußformel für verschiedene Segensgebete gewesen sein könnte.

Ein letztes Überbleibsel dieser Segnung von Naturaloblationen ist - zumindest nach dem alten Pontificale Romanum - die Weihe des Krankenöles in der Chrisammesse des Gründonnerstages, die genau an dieser Stelle, vor dem Per quem haec omnia stattfindet!



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