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STUDIUM
Der Kanon als Raum der Stille
Sowohl vom zelebrierenden Priester als auch von den Gläubigen wird es als besonderer Reichtum der klassischen römischen Liturgie empfunden, daß der ganze Kanon in heiliges Schweigen gehüllt ist. Dieses Schweigen ist nicht einfach ein negativ bestimmtes ‚Nicht-reden', sondern vielmehr ein durch eine Fülle heiliger Vollzüge untermalter positiver Ausdruck innerer Haltungen.
Einige wertvolle Aspekte der Kanonstille wollen wir in Kürze betrachten:
(1) Seit alters her hat die Kanonstille die Funktion eines verhüllenden Schleiers zum Schutz des Mysteriums. Sie drückt Demut, Ehrfurcht, Bewunderung und Ergriffenheit aus, denn vor dem, was hier geschieht, muß jedes menschliche Wort verstummen. Mehrfach spricht die Schrift vom ‚Schweigen vor Gott', so beim Propheten Habakuk: "Der Herr thront in seinem heiligen Tempel; es schweige vor ihm, alle Welt!" (Hab 2,20) Bei Sophonias lesen wir: "Still vor dem Gebieter und Herrn! Denn nahe ist der Tag des Herrn." (Soph 1,7; vgl. auch Zach 2,17)
(2) Durch den stillen Vollzug des Kanons wird der Konsekrations- und Opferakt als ausschließlich priesterliche Handlung gekennzeichnet und gleichzeitig auch ein Bezug zum Alten Bund hergestellt: "Der Priester betritt nun allein das Heiligtum des Kanons... Es herrscht heiliges Schweigen; Schweigen ist eine würdige Bereitung für die Nähe Gottes. Gleich dem Hohenpriester des Alten Bundes, der einmal im Jahr mit dem Blut der Opfertiere allein das Allerheiligste betreten durfte (Hebr 9,7), löst sich der Zelebrant nun vom Volk und tritt vor den heiligen Gott hin, um ihm das Opfer darzubringen." (Jungmann, Missarum solemnia, Wien 1949, Bd. II S. 169)
(3) "Die heilige Stille ist ... geeignet, die Verborgenheit und Tiefe, die Unbegreiflichkeit und Unaussprechlichkeit der wundervollen Geheimnisse, welche auf dem Altar sich vollziehen, anzudeuten und in Erinnerung zu bringen." (Gihr, Das heilige Meßopfer, Herder-Verlag Freiburg 1902, S. 548) Ein Blick in die Heilsgeschichte belehrt uns, daß es geradezu der Eigenart Gottes entspricht, die wirklich großen Dinge in der Verborgenheit heiligen Schweigens zu tun. In einer der ergreifendsten Gotteserscheinungen des Alten Bunden offenbart sich Gott dem Elias nicht im Sturm, sondern im leisen, zarten Säuseln: "Der Herr befahl: ‚Tritt hinaus und stelle dich auf dem Berg vor den Herrn hin!' Siehe, da zog der Herr vorüber: Ein starker mächtiger Sturm, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn einher, doch im Sturm war der Herr nicht. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben, doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben kam ein Feuer, doch auch im Feuer war der Herr nicht. Nach dem Feuer kam ein leises, zartes Säuseln. Elias vernahm es, hüllte sein Gesicht in seinen Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle." (1 Kön 19,11 - 13) Auch die großen Heilsmysterien des Neuen Bundes, insbesondere die Menschwerdung, die Geburt und die Auferstehung des Heilandes, vollzogen sich in heiligem Schweigen, "denn als lautlose Stille alles umfing und die Nacht in ihrem schnellen Lauf die Mitte erreichte, da sprang dein allgewaltiges Wort vom Himmel her, vom Königsthron." (Weish 18,14 f.) Es erscheint höchst angemessen, die kultische Vergegenwärtigung eben dieser zentralen Mysterien der Erlösung in ein heiliges Schweigen zu hüllen!
(4) Die Gläubigen dürfen die Kanonstille schätzen als einen persönlichen Freiraum und zugleich als Einladung zu stiller Einkehr und innerem Mitvollzug. Durch sie wird gerade jenes persönliche Gebet ermöglicht, von dem das Zweite Vatikan spricht, wenn es die Priester ermahnt, die Gläubigen zu lehren, "an den Feiern der heiligen Liturgie so teilzunehmen, daß sie dabei zu einem echten Gebet kommen." (PO 5) Das gemeinsame heilige Schweigen hat einen pädagogischen Wert: "Der Anblick des Priesters, welcher in tiefer Stille mit Gott allein verkehrt am Altar, ist ... ein vortreffliches Mittel, in den Anwesenden die rechte Stimmung hervorzurufen und zu fördern, mit welcher sie das Große und Erhabene der Opferhandlung anbetend bewundern und mitfeiern sollen." (Gihr, Das heilige Meßopfer, Herder-Verlag Freiburg 1902, S. 548)
Die Kreuzzeichen im Kanon
Der stille Vollzug des Kanon ist begleitet durch eine Fülle von Gesten. Erst durch diese Gesten erhält er seine eigentliche Lebendigkeit. Besonders auffällig sind die vielen Kreuzzeichen, die den Baumeistern der Liturgiereform durchaus unverständlich waren, für die es aber sehr einleuchtende und wertvolle Erklärungen gibt. Papst Zacharias schrieb am 4. November 751 einen Brief an den heiligen Bonifatius und listete darin alle Stellen auf, an denen ein Kreuzzeichen zu machen sei. Die heutige Form des Kanons des alten römischen Ritus ist seit mehr als 1000 Jahren bezeugt! Allein schon das hohe Alter dieser Gesten muß den Schluß nahelegen, daß sie ganz sinnlos nicht sein können.
Den Ursprung und Sinn dieser Kreuzzeichen kann man leicht verstehen von einigen Grundsätzen der antiken Rhetorik her: Ein wichtiger Grundsatz lautet, daß in der gepflegten Rede Wort und Gebärde übereinstimmen müssen. Daraus folgt der zweite Grundsatz: Wenn der Redner auf einen Gegenstand zu sprechen kommt, der gegenwärtig ist, muß er durch einen Gestus darauf hinweisen. Je näher dieser Gegenstand ist, desto zwingender wird der Hinweis. Da nun aber die Opfergaben auf dem Altar wirklich gegenwärtig sind, werden sie durch eine Gebärde bezeichnet, sooft sie genannt werden. Einem liturgischen Stilgesetz folgend, wird dieser hinweisende Gestus stilisiert in Kreuzesform. Selbstverständlich ist durch diese Deutung der Kreuzzeichen als Zeigegesten der Gedanke des Segens nicht ausgeschlossen. Das Beispiel der Kanonstrophe Unde et memores, die unmittelbar auf die Wandlung folgt, soll den Sinn der Kreuzzeichen verdeutlichen. Wie gesagt: Erst in Verbindung mit den das gesprochene Wort untermalenden Gesten wird dieser Text lebendig: "Daher sind wir denn eingedenk, Herr, wir Deine Diener, aber auch Dein heiliges Volk, des heilbringenden Leidens, der Auferstehung von den Toten und der glorreichen Himmelfahrt Deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, und bringen so Deiner erhabenen Majestät von Deinen Geschenken und Gaben ein reines+ Opfer dar, ein heiliges + Opfer, ein makelloses + Opfer: das heilige + Brot des ewigen Lebens und den Kelch + des immerwährenden Heiles."
Präfation und Sanctus
Vor der Präfation steht nach dem Dominus vobiscum ein feierlicher Wechselgruß. Dieser hat eine ähnliche vorbereitende und zum inneren Mitvollzug einladende Funktion wie das Oremus vor der Oration.
Sursum corda
Nach der bekannten Definition des heiligen Johannes von Damaskus besteht jedes Gebet wesentlich in der ascensio mentis in Deum, im Aufstieg der Seele zu Gott. Wenn dies schon für jedes gewöhnliche Gebet gilt, dann wird solch eine innere Erhebung mit Recht ganz besonders hier am Eingang des Meßkanons gefordert.
Auch entdecken wir im Sursum corda einen gewissen Anklang an die Mysterien der heiligen Osternacht. Nach der Weihe des Taufwassers wurden die Christen durch die feierliche Erneuerung der Taufgelübde an ihre in der Taufe erworbene allgemeine priesterliche Würde erinnert, die vor allem ausgeübt wird im Mittvollzug des eucharistischen Opfers. Es scheint bedeutsam, gerade in der Epistel der Osternachtsmesse die Mahnung des heiligen Apostels Paulus zu hören, das zu suchen, was droben ist: "Wurdet ihr also auferweckt mit Christus, so sucht, was droben ist (quae sursum sunt quaerite), wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes! Was droben ist, habt im Sinn (quae sursum sunt sapite), nicht das auf Erden!" (Kol 3,1 f.)
Die Worte "sursum corda" werden vom Priester begleitet durch die Erhebung der Hände und der Augen. "Bei den Worten Sursum corda erhebt der Priester seine Hände, um durch diese Gebärde den inneren Aufschwung des Gemütes und das Verlangen nach völliger Hingabe an den Herrn kund zu machen und zu verstärken. In dieser Bewegung der Hände spricht sich nämlich die Sehnsucht nach dem aus, was erhaben ist über uns, d. h. nach dem Himmlischen und Ewigen." (Gihr, Das heilige Meßopfer, Herder-Verlag Freiburg 1902, S. 519) In der Erhebung der Augen folgt der Priester dem Beispiel Jesu, der ebenfalls am Beginn seines Hohepriesterlichen Gebetes (Joh 17) die Augen zum Himmel erhoben hat, "um uns zu lehren, daß wir im Gebet die Augen des Herzens mit großer Andacht auf Gott richten sollen" (Dionysius der Karthäuser, In Joann, art. 41).
Als Antwort des Volkes folgt: "Habemus ad Dominum. - Wir haben sie beim Herrn." Das sollte nicht bloß eine Floskel sein, sondern äußerer Ausdruck einer inneren Realität: "Keiner sei derart anwesend, daß er zwar mit dem Munde sage: ‚Wir haben das Herz zum Herrn erhoben', in seinen Gedanken aber den Geist bei den Sorgen dieses Lebens habe. An Gott muß man zwar allzeit denken; wenn aber dies wegen der menschlichen Schwachheit unmöglich ist, so muß man es sich doch ganz besonders bei der Opferfeier eifrig angelegen sein lassen." (Cyrill von Jerusalem)
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