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LEHREN DER MODERNISTEN TEIL 9

THEMEN

Der Fortschritt des Glaubens beruht auf denselben Ursachen, die vorhin zur Erklärung seines Ursprungs herangezogen wurden. Hinzu kommen jedoch noch einige außerordentliche Männer - wir nennen sie Propheten, und Christus war der größte von ihnen. In ihrem Leben und in ihren Reden hatten sie etwas Geheimnisvolles an sich, das der Glaube der Gottheit zuschreibt. Darüber hinaus hatten sie sich zu neuen, vorher nie dagewesenen Erfahrungen emporgeschwungen, die dem religiösen Bedürfnis ihrer Zeit entsprachen. Hauptsächlich kann der Fortschritt des Dogmas nur dann stattfinden, wenn es gilt, die Glaubensschwierigkeiten zu überwinden, Feinde zu besiegen und Widersprüche abzuweisen. Dazu kommt noch ein beständiger Trieb, den Inhalt der Glaubensgeheimnisse tiefer zu durchdringen. Um nur ein Beispiel zu nennen - so ist es mit Christus geschehen. Was der Glaube an Ihm in irgendeinem Sinn als Göttliches wahrnahm, ist langsam und allmählich so gewachsen, daß man Ihn schließlich für Gott hielt. Zur Entwicklung des Kultus drängt vor allem die Notwendigkeit, sich den Sitten und Überlieferungen der verschiedenen Völker anzupassen, sowie das Bedürfnis, sich die Macht, welche gewisse Handlungen durch die Gewohnheit erlangt hat, zunutze zu machen. Dies stellt dann für die Kirche einen Antrieb zur Entwicklung dar, um sich mit den geschichtlichen gegebenen Verhältnissen und mit den öffentlich anerkannten weltlichen Regierungsformen abzufinden. Soviel über diese einzelnen Punkte. Bevor wir weitergehen, weisen wir noch nachdrücklich auf die Lehre von den Notwendigkeiten oder Bedürfnissen hin. Diese Lehre muß daher die eigentliche Grundlage abgeben, nicht nur für die obengenannten Ausführungen, sondern auch für die vielgerühmte sogenannte historische Methode.
27. Verweilen wir jedoch noch etwas bei der Entwicklungslehre. Ferner ist dabei zu bemerken, daß zwar die Bedürfnisse und Notwendigkeiten zur Entwicklung drängen, die Entwicklung würde jedoch, wenn sie diesem Antrieb alleine folgen wollte, leicht die Grenzen der Überlieferung überschreiten, sich so von dem ursprünglichen belebenden Prinzip lösen und dann eher zum Ruin als zum Fortschritt führen. Die Meinung des Modernisten erfaßt man daher besser, wenn man die Entwicklung auf den Widerstreit zweier Kräfte zurückführt - die eine Kraft drängt zum Fortschritt, die andere Kraft dämpft konservativ. Das konservative Element ist in der Kirche sehr stark vorhanden und liegt in der Tradition begründet. Ihre Vertreterin ist die religiöse Autorität, sowohl von rechts wegen, denn der Autorität kommt es zu, die Überlieferung zu schützen, als auch tatsächlich, denn die Autorität steht abseits von dem wechselnden Leben und wird von allem, was zum Fortschritt treibt, kaum oder gar nicht berührt. Im Gegensatz dazu wirkt die zum Fortschritt drängende und sich den tiefsten Bedürfnissen anpassende Kraft im Bewußtsein der Laien.

Damit sind besonders die Laien gemeint, welche - wie man sagt - mitten im Strudel des Lebens stehen. Hier, ehrwürdige Brüder, wird bereits die verderbliche Ansicht sichtbar, welche das Laientum als Prinzip des Fortschritts in die Kirche einschmuggeln möchte. Aus einem Kompromiß zwischen diesen beiden Kräften, der konservativen und der fortschrittlichen, oder mit anderen Worten ausgedrückt, zwischen der Autorität und dem Bewußtsein der Laienwelt, entstehen Fortschritt und Veränderung. Das Bewußtsein der Laien, zumindest einiger Laien, wirkt auf das Kollektivbewußtsein. Dieses drückt auf die Autorität und zwingt sie, Kompromisse zu schließen und diese dann auch zu halten. Man begreift daher leicht, warum die Modernisten sich so sehr wundern, wenn sie zurechtgewiesen und gestraft werden. Gerade das, was ihnen als Schuld angelastet wird, halten sie für eine strenge Gewissenspflicht. Keiner kennt die Bedürfnisse des religiösen Bewußtseins besser als sie, weil sie davon näher betroffen sind, als die kirchliche Autorität. Alle diese Nöte drängen gerade auf sie ein. Darum fühlen sie die Pflicht, öffentlich zu reden und zu schreiben. Auch wenn die Autorität sie rügen mag, ihre Stütze ist das Pflichtbewußtsein. Ihre innerste Erfahrung sagt ihnen, daß ihnen Lob anstatt Tadel gebührt. Natürlich ist ihnen auch bekannt, daß ohne Kampf kein Fortschritt möglich ist, und daß der Kampf seine Opfer fordert. Sie mögen also selbst die Opfer sein, wie die Propheten und Christus. Auch der Autorität grollen sie nicht, daß sie hart behandelt werden. Gerne geben sie zu, daß die Autorität nur ihr Amt ausübt. Sie bedauern nur, daß sie kein Gehör finden, weil so der Lauf des Geistes aufgehalten wird. Die Stunde, das zaudern aufzugeben, wird schon schlagen. Man kann zwar die Gesetze der Entwicklung aufhalten, durchbrechen kann man sie nicht. So ziehen sie den begangenen Weg weiter, trotz aller Zurückweisungen und Verurteilungen. Eine gekünstelte Ergebenheit muß ihre unglaubliche Verwegenheit decken. Sie beugen sich zwar dem Schein nach, Hand und Herz sind jedoch um so entschlossener bei dem begonnen Werk. Wissentlich und willentlich entscheiden sie sich für diesen Weg. Auf der einen Seite glauben sie, daß die Autorität zwar aufgerüttelt, jedoch nicht vernichtet werden muß. Auf der anderen Seite sind sie der Ansicht, ihr Platz wäre innerhalb der Kirche und würde dort auch bleiben, um allmählich das allgemeine Bewußtsein umzustimmen. Dabei ist es ihnen allerdings entgangen, wie hierin das Geständnis liegt, daß das allgemeine Bewußtsein nicht mit ihnen übereinstimmt und sie also kein Recht haben, sich als Interpreten desselben aufzuspielen.Nach Ansicht der Modernisten und dank ihrer Tätigkeit darf es also, ehrwürdige Brüder, nichts Unveränderliches in der Kirche geben. Allerdings wurde diese Ansicht bereits von anderen vor ihnen vertreten. Von diesen hat Unser Vorgänger Pius IX. geschrieben: Diese Widersacher der göttlichen Offenbarung wissen den menschlichen Fortschritt nicht genug zu preisen und möchten ihn in gotteslästerlicher Verwegenheit auch in die katholische Religion einführen, als ob die Religion nicht Gottes-, sondern Menschenwerk wäre, eine Erfindung der Philosophie, die mit menschlichen Mitteln zur Vollkommenheit geführt werden könnte11.

Besonders die Lehre der Modernisten über Offenbarung und Dogma ist nichts Neues. Pius IX. hat diese bereits im Syllabus verurteilt und formuliert sie so: Die göttliche Offenbarung ist unvollkommen und deshalb eines beständigen und unbeschränkten Fortschritts fähig, wie er dem Fortschritt der menschlichen Vernunft entspricht12. Noch feierlicher lauten die Worte des Vatikanischen Konzils: Die Glaubenslehre, wie sie Gott geoffenbart hat, ist nicht dem menschlichen Geist als eine Erfindung der Philosophie übergeben, die der Mensch mit seinem Verstand weiter ausbilden soll, sondern als göttlicher Schatz der Braut Christi anvertraut, zur treuen Bewahrung und unfehlbaren Erklärung. Deshalb ist auch für die heiligen Dogmen immer der Sinn festzuhalten, den die heilige Mutter, die Kirche, einmal erklärt hat. Niemals darf man unter dem Schein oder dem Vorwand eines tieferen Verständnisses davon abweichen13. Die Entwicklung unserer Begriffe, auch in Glaubenssachen, wird dadurch keineswegs behindert, sondern unterstützt und gefördert. Das Vatikanische Konzil fährt deshalb fort: Es mögen also im Laufe der Zeiten und Jahrhunderte Verständnis, Wissenschaft und Weisheit wachsen und mächtig fortschreiten, sowohl bei den einzelnen, als auch bei der Gesamtheit, in jedem Menschen und in der ganzen Kirche, aber innerhalb des zuständigen Bereiches, im gleichen Dogma, im gleichen Sinn und in der gleichen Ansicht.
28. Nachdem wir nun die Anhänger des Modernismus als Philosophen, Gläubige und Theologen studiert haben, müssen wir nun den Blick darauf richten, sofern sie Historiker, Kritiker, Apologeten und Reformatoren sein wollen.
29. Einigen Modernisten scheint es große Sorge zu bereiten, daß man sie bei ihren geschichtlichen Arbeiten als Philosophen ansehen könnte. Sie erklären sogar, daß sie mit Philosophie nichts zu tun haben. Das ist äußerst schlau. Man könnte sonst glauben, sie wären durch ihre philosophischen Meinungen voreingenommen und deshalb nicht objektiv. Trotzdem bleibt es wahr, daß ihre ganze Geschichte und Kritik nichts als Philosophie ist. Ihre Schlußfolgerungen ergeben sich konsequent aus ihren philosophischen Prinzipien. Um das zu erkennen, muß man nur die Augen aufmachen. Die ersten drei Kanones dieser Historiker zeigen gerade diese Prinzipien, die wir bereits oben bei ihren Philosophen vorgefunden haben - der Agnostizismus, der Satz von der Verklärung der Dinge durch den Glauben und der andere, den wir meinten, als Satz von der Entstellung bezeichnen zu können. Beachten wir die Folgerungen aus den einzelnen Sätzen. Nach dem Agnostizismus hat es die Geschichte, genau wie die Wissenschaft, nur mit Phänomenen zu tun. Gott und jedes Eingreifen Gottes in die menschliche Geschichte gehört also nur in das Gebiet des Glaubens. Dort allein ist sein Bereich. Stößt man nun auf etwas, das aus zwei Elementen zusammengesetzt ist, ein göttliches und ein menschliches, zum Beispiel Christus, die Kirche, die Sakramente und vieles andere, so ist eine reine Trennung in dem Sinne vorzunehmen, daß man das Menschliche der Geschichte und das Göttliche dem Glauben zuteilt.


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