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LEHREN DER MODERNISTEN TEIL 7

THEMEN

Dabei muß man allerdings, aus Rücksicht auf ihre allgemeine Annahme, den nötigen Respekt vor den Formeln wahren, welche die öffentliche Autorität als geeigneten Ausdruck für das allgemeine Bewußtsein befunden hat, solange wenigstens diese Autorität nichts anderes bestimmt. In welcher Weise die Modernisten von der Immanenz denken, ist schwer anzugeben. Darüber sind sich nicht alle einig. Einige suchen sie darin, daß Gott mit seinem Wirken dem Menschen innerlich nahe ist, näher als der Mensch sich selbst. Wenn man es richtig versteht, ist daran natürlich nichts auszusetzen. Andere finden sie darin, daß sich Gottes Wirken mit dem Wirken der Natur vereinigt, als erste Ursache mit der zweiten. Dadurch wäre die übernatürliche Ordnung tatsächlich aufgehoben. Wieder andere erklären es in der Weise, daß man den Verdacht einer pantheistischen Auffassung nicht unterdrücken kann, der Zusammenhang mit ihren sonstigen Lehren wäre dann jedoch besser.
20. Zu dem Satz von der Immanenz tritt ein weiterer hinzu, welchen man den Satz der göttlichen Permanenz nennen könnte. Den Unterschied könnte man ungefähr mit der eigenen Erfahrung und der durch die Überlieferung weitergegebenen Erfahrung vergleichen. Ein Beispiel, das von der Kirche und den Sakramenten genommen ist, soll dies näher erklären. Es soll nicht angenommen werden, daß die Kirche und die Sakramente von Christus selbst herrühren. Das verbietet der Agnostizismus. Dieser sieht in Christus nur den Menschen, dessen religiöses Bewußtsein sich wie bei den übrigen Menschen erst allmählich gebildet hat. Das verbietet auch das Gesetz der Immanenz, welches sogenannte äußere Applikationen nicht zuläßt. Ferner verbietet es das Gesetz der Entwicklung. Diese erfordert Zeit und eine Reihe sich ablösender Bedingungen, damit sich die Keime entfalten können. Zum Schluß verbietet dies auch die Geschichte, indem sie für einen derartigen Verlauf den tatsächlichen Beweis bringt. Doch ist an einer mittelbaren Stiftung der Kirche und der Sakramente durch Christus festzuhalten. Wie das? Das christliche Gesamtbewußtsein soll bereits gewissermaßen im Bewußtsein Christi enthalten gewesen sein, so wie die Pflanze im Samen. Wie nun die Keime das Leben des Samens ausleben, so hat man sich auch das Leben der gesamten Christenheit als ein Ausleben des Lebens Christi zu denken. Nach dem Glauben ist das Leben Christi göttlich, somit auch das Leben der Christenheit. Wenn dieses Leben daher im Laufe der Zeiten die Kirche und die Sakramente erstehen ließ, so kann man mit vollem Recht ihren Ursprung Christus zuschreiben und ihn göttlich nennen. Auf dieselbe Weise sind ihnen auch die Heilige Schrift und die Dogmen göttlich. Damit ist die modernistische Theologie so ziemlich erschöpft. Ein sehr dürftiger Hausrat, der jedoch mehr als ausreichend ist, wo der Grundsatz vom willigen Gehorsam gegen alle Aussprüche der Wissenschaft gilt. Die Anwendung auf das folgende ist leicht zu vollziehen.

21. Vom Ursprung und Wesen des Glaubens war bereits die Rede. Der Glaube treibt jedoch viele Sprosse, namentlich die Kirche, das Dogma, den religiösen Kult und unsere heiligen Schriften. Auch darüber müssen wir die modernistische Lehre kennen. Beginnen wir mit dem Dogma. Es wurde bereits aufgezeigt, wie es entsteht und was es eigentlich ist. Seine Entstehung verdankt es einer Art Antrieb oder Notwendigkeit, die den Glaubenden zur Verarbeitung seiner Gedanken veranlaßt, um das eigene sowie auch das fremde Bewußtsein zu klären. Die ganze Arbeit besteht darin, die ursprüngliche Verstandesformel zu feilen und zu glätten. Allerdings nicht deshalb, um sie in sich logisch zu entwickeln, sondern um sie den Gegebenheiten anzupassen. Diese Entwicklung nennen sie dann mit einem sehr dunklen Ausdruck vital, also lebendig. Dadurch erreicht man langsam, wie bereits erwähnt, die sekundären Formeln. Wenn diese dann organisch zu einem Lehrgebäude vereinigt und als dem allgemeinen Bewußtsein entsprechend vom öffentlichen Lehramt bestätigt sind, dann heißen sie Dogma. Davon sind die Erörterungen der Theologen wohl zu unterscheiden. Diese haben zwar am Leben des Dogmas keinen Anteil, können aber dazu dienen, die Religion mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen und Widersprüche zwischen beiden zu heben sowie diese auch andererseits nach außen zu beleuchten und zu verteidigen. Allenfalls können sie auch dienlich sein, um für ein künftiges Dogma den Stoff vorzubereiten. Über den religiösen Kult wäre nicht viel zu bemerken, wenn unter diesem Namen nicht auch die Sakramente enthalten wären. Darüber findet man bei den Modernisten die größten Irrtümer. Der Kultus soll aus einem doppelten Antrieb, einer doppelten Nötigung entstehen. In diesem System muß alles aus inneren Antrieben und Notwendigkeiten heraus erwachsen. Die eine drängt dazu, daß die Religion sinnlich umkleidet in Erscheinung tritt. Die andere trägt dazu bei, daß sie bekannt gemacht wird. Beides ist ohne wahrnehmbare Form und ohne heilige Handlungen, also durch die Sakramente, unmöglich. Die Sakramente dürfen jedoch nur Symbole oder Zeichen sein, ohne deshalb der Wirkung zu entbehren. Ein kleines Beispiel, um die Art ihres Wirkens zu zeigen. Es wird auf gewisse Schlagwörter hingewiesen, die "ziehen", wie man zu sagen pflegt, da sie für die Propaganda und ihre gewaltigen und aufregenden Ideen eine große Zugkraft besitzen. In der Weise, wie sich die Schlagwörter zu den Ideen verhalten, so verhalten sich auch die Sakramente zum religiösen Gefühl, das ist alles. Viel deutlicher würde man sagen, die Sakramente sind nur eingesetzt, um den Glauben zu nähren. Dies wurde jedoch durch das Konzil von Trient verurteilt. Sess. VII, De Sacramentis in genere, can. 5: Wenn jemand behauptet, die Sakramente wären nur eingesetzt, um den Glauben zu nähren, der sei im Banne.

22. Auch vom Ursprung und vom Wesen der heiligen Schriften war bereits die Rede. Nach den modernistischen Anschauungen könnte man sie sehr gut als eine Sammlung von außergewöhnlichen und besonderen Erfahrungen definieren, welche zwar nicht jeder alle Tage durchmacht, jedoch in allen Religionen vorkommen. Auf diese Weise sprechen die Modernisten von unserer Heiligen Schrift, vom Alten und vom Neuen Testament. Sie sind jedoch so klug und fügen hinzu, daß auch eine gegenwärtige Erfahrung ihren Gegenstand aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft entnehmen kann, je nachdem der Glaubende das Vergangene in der Erinnerung, oder das Zukünftige durch Vorausnahme als gegenwärtig erlebt. Dadurch wird deutlich, daß auch Historiker und Apokalyptiker zu den heiligen Schriften gerechnet werden können. So redet allerdings Gott in diesen Büchern durch den Gläubigen. Nach der modernistischen Theologie jedoch nur durch die Immanenz und die vitale Permanenz. An dieser Stelle drängt sich die Frage nach der Inspiration auf. Antwort: Sie unterscheidet sich höchstens durch ihre Stärke von dem allgemeinen Antrieb, welcher den Gläubigen drängt, seinen Glauben in Wort und Schrift auszusprechen. Ähnliches finden wir bei der poetischen Inspiration. Dadurch konnte der Dichter sagen: Es wohnt ein Gott in uns. Von seinem Hauch wird die Begeisterung wach. Gerade so ist der Ursprung der Schriftinspiration in Gott zu suchen. Nach den Modernisten findet man nichts in der Heiligen Schrift, was nicht auf diese Weise inspiriert wäre. Wenn man diese Meinung hört, sollte man sie für orthodoxer halten, als bei so manchen neueren Autoren, die zum Beispiel sogenannte stillschweigende Zitationen annehmen, und darauf die Inspiration beschränken. Diese Worte sind allerdings nur Trug und Schein. Bei der Beurteilung der Bibel nach den Prinzipien des Agnostizismus kann natürlich von Einschränkungen der Inspiration die Rede sein, da es sich doch um ein reines Menschenwerk handelt, von Menschen für Menschen geschrieben, auch wenn es der Theologe im Sinne der Immanenz göttlich nennen mag. So bleibt der Modernist bei einer allgemeinen Inspiration der Heiligen Schrift. Von einer Inspiration im katholischen Sinne läßt er allerdings nichts übrig.
23. Mehr ist über die Phantasien der modernistischen Schule in bezug auf die Kirche zu sagen. Zunächst wird ihre Entstehung auf eine doppelte Nötigung zurückgeführt. Zum einen auf den Drang, der sich in jedem Gläubigen regt, vor allem dann, wenn er eine ursprüngliche und besondere Erfahrung gemacht hat, um seinen Glauben anderen mitzuteilen. Zum anderen, wenn der Glaube das Gemeingut mehrer geworden und das Bedürfnis der Kollektivität entstanden ist, um sich zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen und die gemeinsamen Güter zu schützen, zu vermehren und zu verbreiten. Die Kirche ist also die Frucht des Kollektivbewußtseins oder der Verbindung des Bewußtseins der einzelnen, welche durch die vitale Permanenz von einem ersten Glaubenden abhängen. Für den Katholiken ist dieser natürlich Christus. Ferner benötigt jede Gemeinschaft eine Leitung durch eine Autorität, welche alle Mitglieder dem gemeinschaftlichen Ziel entgegenführt und die verbindenden Momente sorgsam pflegt. Bei einer religiösen Vereinigung sind das die Lehre und der Kultus.


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