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THEMEN
16. Die bisherigen Erörterungen, ehrwürdige Brüder, erlauben uns, ein richtiges Urteil über das Verhältnis von Glauben und Wissen nach der modernistischen Lehre zu fällen. Unter dem Namen des Gewissens gehört für sie auch die Geschichte. Zuerst steht fest, daß der Gegenstand des einen in jeglicher Art außerhalb des Gegenstandes des anderen liegt. Hier herrscht eine scharfe Trennung. Der Glaube befaßt sich ausschließlich mit dem, was die Wissenschaft als zum Unerkennbaren gehörend betrachtet. Die Aufgaben beider sind ganz verschieden. Die Wissenschaft bewegt sich auf dem Gebiet der Phänomene. Für den Glauben bleibt dabei kein Platz. Der Glaube lebt im Göttlichen, wohin keine Wissenschaft dringt. Es ist daher völlig ausgeschlossen, daß es jemals zu einem Konflikt zwischen dem Glauben und der Wissenschaft kommt. Wenn beide in ihren Gebieten bleiben, können sie sich nicht begegnen und daher auch nicht widersprechen. Wenn man einwenden würde, daß es Dinge in der sichtbaren Welt gibt, die auch zum Glauben gehören, zum Beispiel das irdische Leben Christi, so werden sie das leugnen. Gewiß zählt dies zu den Phänomenen. So weit es jedoch mit dem Leben des Glaubens durchdrungen und vom Glauben in der zuvor erwähnten Weise verklärt und entstellt wird, entrückt es der sinnlichen Welt und wird in das Gebiet des Göttlichen erhoben. Auf die Frage, ob Christus wirkliche Wunder gewirkt und zukünftige Dinge vorausgesehen hat, ob er wirklich auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, hat die agnostische Wissenschaft eine ablehnende, der Glaube jedoch eine zustimmende Antwort bereit, ohne daß deshalb zwischen beiden Streit entstehen würde. Wenn der Philosoph zu Philosophen spricht, sagt er nein, weil er Christus nur nach der historischen Realität betrachtet. Der Gläubige im Umgang mit den Gläubigen sagt ja, weil ihm am Leben Christi liegt, wie es vom Glauben und im Glauben erlebt wird.
17. Nun wäre es aber ein großartiger Selbstbetrug, sich - diese Theorien vorausgesetzt - für bevollmächtigt zu halten zu glauben, daß Glaube und Wissenschaft voneinander unabhängig seien. Wer aber nur daraus schließen wollte, daß überhaupt kein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Glauben und der Wissenschaft besteht, befände sich im Irrtum. Für die Wissenschaft hätte er allerdings vollkommen Recht. Anders verhält es sich jedoch mit dem Glauben. Dieser ist nicht nur in einem Bereich, sondern gleich in dreien der Wissenschaft unterworfen. Zuerst kommt in Betracht, daß an jeder religiösen Tatsache, sieht man von der göttlichen Realität und der diesbezüglichen Erfahrung des Gläubigen ab, alles übrige und besonders die religiösen Formeln im Bereich der Phänomene liegen und daher unter die Wissenschaft fallen. Der Gläubige darf sich nicht nach seinem Belieben aus der Welt zurückziehen. Solange er jedoch in dieser Welt weilt, wird er unter keinen Umständen den Gesetzen, der Beobachtung und dem Urteil der Wissenschaft sowie der Geschichte entgehen. Wenn gesagt wird, daß Gott ausschließlich Gegenstand des Glaubens ist, so ist das nur für die Realität Gottes gültig, jedoch nicht für die Idee eines Gottes. Diese gehört in den Bereich der Wissenschaft. Solange sie über die sogenannte Begriffswelt philosophiert, kann sie auch das Absolute und das Ideale erfassen.
Die Philosophie, besser gesagt die Wissenschaft, hat somit das Recht, über die Gottesidee Erkenntnisse anzustellen, sie in ihrer Entwicklung zu regeln und sie zu korrigieren, falls sich etwas Fremdes eingeschlichen hat. Die modernistische Seite stellt daher die Forderung, die religiöse Entwicklung mit der moralischen und der intellektuellen zu verbinden, oder, nach den Worten eines ihrer Wortführer, sie ihnen unterzuordnen. Der Mensch kann einen Zwiespalt in sich selbst nicht ertragen. Selbst der Gläubige fühlt sich mit innerer Notwendigkeit zu einem Ausgleich zwischen Glauben und Wissen gedrängt, um in seine allgemeine wissenschaftliche Weltanschauung keine Dissonanz zu bringen. Damit ist die völlige Unabhängigkeit des Glaubens von der Wissenschaft erwiesen, während der Glaube, trotz Proklamation der Trennung beider, sich doch der Wissenschaft beugen muß. Dem gegenüber, ehrwürdige Brüder, hat Unser glorreicher Vorgänger, Papst Pius IX., betont9: In allem, was die Religion betrifft, hat die Philosophie nicht zu herrschen, sondern zu dienen. Sie hat nicht vorzuschreiben, was man glauben muß, sondern es in vernünftiger Unterwerfung anzunehmen. Es ist nicht die Tiefe der göttlichen Geheimnisse zu ergründen, sondern vielmehr diese in kindlicher Demut zu verehren. Die Modernisten stellen dies allerdings auf den Kopf. Auf sie läßt sich daher anwenden, was Unser Vorgänger, Gregor IX., über einige Theologen seiner Zeit schrieb10: Einige unter Euch sind vom Geist der Eitelkeit aufgebläht und versuchen, durch profane Neuerungen, die von den Vätern gesetzten Schranken zu durchbrechen. Sie wollen den Sinn der Heiligen Schrift … nach den philosophischen Lehren der Vernunft beugen, um mit der Wissenschaft zu prunken, nicht um ihre Hörer zu fördern … . Durch allerlei fremde Lehren in die Irre geführt, machen sie den Kopf zum Schwanz und zwingen die Königin, ihrer Magd zu dienen.
18. Noch deutlicher ist dies zu erkennen, wenn man die Handlungsweise der Modernisten betrachtet, welche in besonders guter Weise zu ihrer Lehre paßt. Ihre Schriften und Reden sind voll von scheinbaren Widersprüchen, so daß man leicht glauben kann, sie würden schwanken und wären ihrer Sache nicht sicher. Dies geschieht jedoch aus voller Überlegung. Es ist der Ausfluß ihrer Anschauungen über die Trennung von Glauben und Wissen. Manche Ausführungen in ihren Büchern könnte ein Katholik vollständig unterschreiben. Wenn man jedoch das Blatt wendet, könnte man glauben, ein Rationalist führt die Feder. Schreiben sie Geschichte, ist von der Gottheit Jesu Christi nicht die Rede. Steigen sie jedoch auf die Kanzel, dann bekennen sie dieselbe ohne Bedenken. Schreiben sie Geschichte, dann gelten für sie Konzilien und Väter gar nichts. Dahingegen werden in der Katechese beide wieder mit Ehrfurcht zitiert. So wollen sie auch die theologische, pastorale Exegese von der wissenschaftlichen, geschichtlichen trennen.
Nach dem Prinzip, daß die Wissenschaft vom Glauben durchaus abhängig ist, treten sie in ihrer Philosophie, Geschichte oder Kritik ungescheut in die Fußstapfen Luthers. Prop. 29, verurteilt durch Leo X. in der Bulle "Exsurge Domine" vom 16. Mai 1520: Wir haben einen Weg gefunden, die Autorität der Konzilien zu vernichten, ihren Verhandlungen frei zu widersprechen, ihre Dekrete zu beurteilen und zuversichtlich alles auszusprechen, was wahr scheint, mag es auch von irgendeinem Konzil gebilligt oder mißbilligt werden. Ihre Verachtung gegen katholische Verordnungen, gegen die heiligen Väter, die ökumenischen Konzilien und das kirchliche Lehramt tragen sie offen zur Schau. Stellt man sie zur Rede, dann nimmt man ihnen die Freiheit. Durch ihre Lehre, der Glaube muß der Wissenschaft unterworfen sein, tadeln sie auf Schritt und Tritt ganz offen die Kirche. Sie behaupten, die Kirche würde sich hartnäckig weigern, ihre Dogmen den Ansichten der Philosophie zu unterwerfen und anzupassen. Nachdem sie mit der alten Theologie aufgeräumt haben, machen sie sich ans Werk, eine neue einzuführen, die ihren philosophischen Träumereien zu willen ist.
19. Hier bietet sich nun die Gelegenheit, ehrwürdige Brüder, die Modernisten auch in der theologischen Arena zu betrachten, was allerdings nicht gerade ein reines Vergnügen bereitet. In aller Kürze muß es doch geschehen. Es handelt sich um die Versöhnung von Glauben und Wissen, und zwar durch Unterordnung des einen unter das andere. Die modernistische Theologie stützt sich dabei auf dieselben Prinzipien, welche beim Philosophen so großen Erfolg hatten. Er muß sie lediglich den Gläubigen durch das Prinzip der Immanenz und des Symbolismus anpassen. So löst er spielend seine Aufgabe. Der Philosoph sagt ihm: Das Prinzip des Glaubens ist immanent. Der Gläubige fügt hinzu: Dieses Prinzip ist Gott. Der Theologe schließt mit der Folgerung: Also ist Gott im Menschen immanent. Daher die theologische Immanenz. Ferner steht für den Philosophen fest, daß die Vorstellungen des Glaubensobjektes nur symbolisch sind. In der gleichen Weise steht für den Gläubigen fest, daß das Glaubensobjekt Gott ist, wie er in sich ist. Daraus folgert der Theologe: Die Vorstellungen von der Realität Gottes sind symbolisch. Daher der theologische Symbolismus. Dabei handelt es sich um schwerwiegende Irrtümer. Die Konsequenzen werden zeigen, welches Unheil diese beiden Sätze anrichten können. Sprechen wir zuerst vom Symbolismus. Die Symbole sind in bezug auf ihren Gegenstand Symbole. In bezug auf den Gläubigen stellen sie Hilfsmittel dar. Der Gläubige darf sich daher zunächst nicht über Gebühr an die Formel als solche hängen. Er soll sie nur gebrauchen, um zur absoluten Wahrheit zu gelangen. Diese wird von der Formel zum Teil enthüllt, zum Teil jedoch auch verschleiert. Die Formel versucht sie auszudrücken, kann sie aber niemals erreichen. Dann wird daran erinnert, daß der Gläubige solche Formeln nur insoweit gebrauchen soll, als sie ihm helfen, da sie ihm zur Hilfe geboten werden, nicht zur Last.
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