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Die heiligen, apostolischen Überlieferungen werden verachtet und dafür andere, eitle, nichtige und ungewisse Lehren eingesetzt, die von der Kirche nicht gebilligt werden. In ihrer Verblendung vertreten sie die Meinung, daß sie selbst die Wahrheit stützen und halten können8.
14. So viel, ehrwürdige Brüder, über den Modernisten als Philosophen. - Geht man einen Schritt weiter und fragt sie nach dem Unterschied zwischen dem Gläubigen und dem Philosophen, so ist zu beachten, daß der Philosoph zwar die Realität des Göttlichen annimmt, sofern es sich dabei um dasselbe Objekt des Glaubens handelt, diese Realität jedoch ausschließlich im Geiste des Gläubigen als Gegenstand eines Gefühls oder als eine Aussage gelten läßt, aber nicht über den Rahmen der Erscheinungswelt hinausgeht. Den Philosophen interessiert es nicht, ob diese Realität auch außerhalb des Gefühls oder einer solchen Aussage besteht. Für den Modernisten als Gläubigen steht es dagegen sehr wohl fest, daß das Göttliche eine Realität in sich selbst hat und in keiner Weise vom Gläubigen abhängt. Will man wissen, worauf sich diese Behauptung des Gläubigen gründet, so erhält man als Antwort: Auf die eigene Erfahrung. Wenn sie sich durch diese Antwort von den Rationalisten entfernen, so fallen sie damit auf der anderen Seite in den Irrtum der Protestanten und falschen Mystiker. Sie erklären dies folgendermaßen. Im religiösen Gefühl würde eine Art Intuition des Herzens liegen. Damit würde man ohne jede Vermittlung die Realität Gottes selbst erfassen und dadurch zu einer Überzeugung von Gottes Dasein und seinem Wirken innerhalb und außerhalb des Menschen gelangen, wie sie keine Wissenschaft geben kann. Sie nehmen also eine eigentliche Erfahrung an, die besser ist, als alle Erfahrungen, die sich aus der Vernunft begründen. Leugnet einer dieselbe nach dem Vorbild der Rationalisten, dann begründen sie diese Ansicht damit, daß man sich nicht in die rechte moralische Verfassung versetzen will, um die Erfahrung zu machen. Jeder, der diese Erfahrung erlebt hat, wird im eigentlichen und wahren Sinn zum Gläubigen. Von den katholischen Anschauungen ist diese Ansicht weit entfernt. Wie bereits erwähnt, wurden durch das Vatikanische Konzil diese Irrtümer bereits verurteilt. Wie leicht diese Ansichten in Verbindung mit den zuvor erwähnten Irrtümern zum Atheismus führen können, wird an einer späteren Stelle noch aufgezeigt.
Zunächst sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß nach dieser Lehre von der Erfahrung, verbunden mit der anderen Lehre des Symbolismus, jede Religion, auch die heidnische, als wahr anzuerkennen ist. Warum sollten diese Erfahrungen nicht auch in jeder beliebigen Religion gemacht werden? Mehr als einer spricht davon, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Mit welchem Recht sollte ein Modernist eine Erfahrung als unwahr ablehnen, wenn ein Türke dafür bürgt. Warum sollten nur die Erfahrungen der Katholiken als wahr gelten? Auch die Modernisten handeln nicht auf diese Weise. Die einen deuten es an, die anderen sprechen es offen aus - alle Religionen sind wahr. Offenbar bleibt auch keine andere Ansicht übrig. Aus welchem Grund könnte in ihrem System eine Religion überhaupt falsch sein?
Entweder irrt das religöse Gefühl, oder die vom Verstand aufgestellte Formel. Das religiöse Gefühl ist jedoch überall ein- und dasselbe, vielleicht mit der Einschränkung, daß es an der einen oder anderen Stelle etwas weniger vollkommen ist. Für die Wahrheit der Verstandesformel ist es ausreichend, wenn sie dem religiösen Gefühl und dem gläubigen Menschen zusagt, ohne auf die Schärfe seines Verstandes Rücksicht zu nehmen. Der Modernist könnte im Wettkampf der verschiedenen Religionen höchstens ein Argument geltend machen, und zwar, daß der Katholizismus mehr Wahrheit enthält, weil er lebendiger ist. Ferner würde er dem Namen einer christlichen Religion mehr entsprechen, weil er dem ursprünglichen Christentum auf vollkommenere Weise entspricht. Daß sich alle diese Folgerungen aus den vorgelegten Daten wirklich ergeben, kann niemand übersehen. Dagegen ist es sehr verwunderlich, daß es Katholiken und Priester geben kann, die solche Monstrositäten zwar verabscheuen, zumindest nehmen Wir das zu ihren Gunsten an, sich jedoch so verhalten, als würden sie dieselben billigen. Gerade die Verfechter dieser Irrtümer werden von ihnen auf so hohe Weise gerühmt und öffentlich gefeiert, daß man fast zu der Ansicht gelangen kann, die Anerkennung gelte weniger den Männern, die sicher in irgendeinem Teilbereich ihre persönlichen Verdienste haben, als vielmehr den falschen Lehren, die sie offen vertreten und dabei versuchen, diese auf jede Art und Weise unter das Volk zu bringen.
15. Doch diese Lehre von der Erfahrung ist - über das Gesagte hinaus - noch in einer weiteren Hinsicht dem katholischen Glauben vollständig entgegengesetzt: Denn sie wird auch auf die Tradition angewandt, an der die katholische Kirche bisher immer festgehalten hat, und wird dadurch einfach vernichtet. Die Modernisten verstehen unter der Tradition eine Art Mitteilung der ursprünglichen Erfahrung durch die Predigt mittels der Verstandesformel. Außer der repräsentativen Kraft, wie sie sich ausdrücken, soll die Formel auch eine suggestive Wirkung haben. Auf der einen Seite äußert sich diese im Glaubenden selbst, indem sie sein etwa eingeschlafenes religiöses Gefühl aufweckt und die einstmals gemachte Erfahrung wiederbelebt. Sie erstreckt sich jedoch auch auf Personen, die noch nicht glauben. Zuerst ruft sie in ihnen das religiöse Gefühl hervor und bewirkt dadurch ihre erste Erfahrung. Auf diese Weise findet die religiöse Erfahrung eine weite Verbreitung innerhalb der Menschheit, nicht nur durch die Predigt vor den Zeitgenossen, sondern auch ausgedehnt auf spätere Geschlechter, durch Bücher und durch mündliche Überlieferung. Manchmal kann die auf diese Weise mitgeteilte Erfahrung Wurzel fassen und aufleben. Dagegen welkt sie ein anderes Mal sofort dahin und stirbt ab. Lebt sie jedoch auf, so stellt das für den Modernisten einen Beweis ihrer Wahrheit dar. Wahrheit und Leben gehören für sie zusammen. An dieser Stelle erhält die Schlußfolgerung wieder ihre Berechtigung, daß alle Religionen wahr sind, da sie ansonsten nicht leben könnten.
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