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15. Bis zu dieser Stelle kann es den Anschein haben, ehrwürdige Brüder, daß für die Vernunft kein Platz mehr übrig geblieben ist. Aber auch die Vernunft hat nach der Lehre der Modernisten am Zustandekommen des Glaubensaktes seinen Anteil. Interessant ist dabei ihre Denkweise. In dem bereits oft erwähnten Gefühl soll sich zwar Gott dem Menschen zeigen, da man jedoch durch das Gefühl alleine zu keiner Erkenntnis gelangt, geschieht dies nur wenig deutlich und präzise, so daß er sich vom glaubenden Subjekt kaum oder gar nicht unterscheiden läßt. Deshalb benötigt das Gefühl eine eigene Durchleuchtung, damit Gott überhaupt eindeutig hervortritt. Das ist nun die Aufgabe der denkenden und analysierenden Vernunft. Mit der Vernunft formt der Mensch seine inneren Lebensphänomene zu Erkenntnisbildern um. Erst danach ist es ihm möglich, dies in Worten auszudrücken. Daher stammt das den Mondernisten geläufige Wort, daß der religiöse Mensch seinen Glauben denken müsse. Zum Gefühl tritt also die Vernunft hinzu, die ihren Blick auf dasselbe richtet, so wie ein Maler daran arbeitet, der die verlöschenden Linien eines Gemäldes mustert, um sie dann wieder klarer hervorheben zu können. In etwa dieser Weise spricht einer der Führer der Modernisten darüber. Die Vernunft arbeite bei dieser Tätigkeit auf doppelte Weise; zuerst in einem natürlichen und spontanen Akt, wobei sie den Gegenstand in einem einfachen, volkstümlichen Satz ausdrücke; sodann aber, reflektiert und gründlicher - oder, wie sie sagen, durch Ausarbeitung des Gedankens -, werde der durchdachte Gegenstand in sekundären Sätzen ausgesprochen, abgeleitet von jenem ersten, einfachen, jedoch ausgefeilter und klarer unterschieden. Wenn diese sekundären Sätze endlich vom höchsten Lehramt der Kirche bestätigt seien, bildeten sie das Dogma.
16. Dadurch gelangt die modernistische Lehre schließlich zu ihrem Hauptbestandteil, zum Ursprung und zum innersten Wesen des Dogmas. Die Entstehung des Dogmas wird in diese ursprünglichen und einfachen Formeln gelegt, welche in etwa für den Glauben notwendig sind, denn um eine wirkliche Offenbarung zu erhalten, muß im Bewußtsein eine eindeutige Erkenntnis Gottes vorhanden sein. Es scheint jedoch, daß sie das eigentliche Dogma in den sekundären Sätzen finden wollen. Um sein Wesen erfassen zu können, muß man zuerst die Frage stellen: Wie verhalten sich die religiösen Formeln gegenüber dem religiösen Gefühl? Die Antwort ist leicht gefunden, wenn man nur festhält, daß derartige Formeln einzig und allein dem Zweck dienen, den Gläubigen zu ermöglichen, sich von seinem Glauben Rechenschaft abzugeben. Sie stehen also in der Mitte zwischen dem Gläubigen und seinem Glauben.
Für den Glauben sind sie nur unzulängliche Zeichen für seinen Inhalt, Symbole, wie man sie gewöhnlich nennt. Für den Gläubigen stellen sie allerdings reine Hilfsmittel dar.
17. Es läßt sich also in keiner Weise festlegen, daß sie absolut die Wahrheit enthalten, denn die Symbole sind die Bilder der Wahrheit und müssen sich als solche dem religiösen Gefühl und seiner Beziehung zum Menschen anpassen.
Als Hilfsmittel dienen sie den Wegen zur Wahrheit und sind daher ebenfalls dem Menschen und seiner Beziehung zum religiösen Gefühl anzupassen. Gegenstand des religiösen Gefühls ist das Absolute, das unendlich viele Erscheinungsweisen aufweist, und daher bald in vielen verschiedenen Formen hervortreten kann. Ebenso kann sich auch der gläubige Mensch in vielen verschiedenen Lagen befinden. Daher müssen diesem Wechsel auch die Formeln unterliegen, die wir Dogmen nennen, und notwendigerweise ebenso veränderlich sind. Dadurch stehen der inneren Entwicklung des Dogmas sämtliche Türen offen. Sophismen über Sophismen, welche die gesamte Religion vollkommen zugrunde richten!
Die Möglichkeit, besser gesagt, die Notwendigkeit einer Entwicklung und Veränderung des Dogmas, wird von den Modernisten nicht nur hartnäckig behauptet, sondern sie stellt die notwendige Folge ihrer Ansichten dar. Es gehört für sie zu den wichtigsten Lehren, die sich für sie aus dem Prinzip der vitalen Immanenz ergibt. Die religiösen Formeln, wenn sie wirklich religiös sind und kein reines Spiel des Verstandes darstellen, müssen lebendig und vom Leben des religiösen Gefühls selbst beseelt sein. Das soll nicht bedeuten, daß diese Formeln, besonders wenn sie nur einer Vorstellung Ausdruck geben, nach der Maßgabe des religiösen Gefühls erfunden werden müßten. Sowohl der Ursprung, als auch die Anzahl und Art sind nicht wichtig. Vielmehr muß sich diese das religiöse Gefühl lebendig aneignen, wenn es notwendig ist, auch mit einer gewissen Umgestaltung. Mit anderen Worten gesprochen, bereits die Urformel muß vom Herzen angenommen und bestätigt werden.
Auch bei der Ausarbeitung der sekundären Formel muß das Herz die Führung haben. Daher müssen die Formeln, wenn sie lebendig sein wollen, dem Glauben und dem Gläubigen in gleicher Weise angepaßt sein und bleiben. Wenn aus irgendeinem Grund dieses Angepaßtsein aufhören sollte, verlieren sie ihren ursprünglichen Wert und bedürfen der Änderung. Die dogmatischen Formeln sind nur wenig bedeutend und auch sehr kurzlebig. Es ist daher nicht verwunderlich, daß sich der Spott und die Verachtung der Modernisten in reicher Fülle über sie ergießt, während das religiöse Gefühl und das religiöse Leben nach ihrem Dafürhalten alles darstellt. Sie scheuen sich auch nicht davor, der Kirche vorzuwerfen, sie würde auf einer abschüssigen Bahn wandeln, wenn sie zwischen der äußerlichen Bedeutung der Formeln und ihrem religiösen und moralischen Wert keine Unterscheidung kennt, sich jedoch mit vergeblicher Anstrengung an sinnlose Formeln klammert und dabei die Religion zugrunde gehen läßt.
Diese blinden Führer haben im Taumel ihrer hochmütigen Arroganz über das Wissen sogar die ewig wahren Begriffe von Wahrheit und Religion verändert. Begründet auf ein neues System und in wilder, zügelloser Jagd nach Neuem vergessen sie, die Wahrheit an der Stelle zu suchen, wo sich ihre sichere Stätte befindet.
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