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8. Ihre Philosophie - oder besser gesagt: ihr Wahnsinn - ist jedoch an dieser Stelle noch nicht zu Ende. In dem beschriebenen Gefühl finden sie nicht nur den Glauben, sondern bei dem Glauben und in dem so verstandenen Glauben liegt nach ihrer Meinung zugleich auch die Offenbarung. Welches Kriterium wäre für die Offenbarung sonst noch nötig? Soll man es etwa nicht Offenbarung oder den Beginn der Offenbarung nennen, wenn das religiöse Gefühl im Bewußtsein auftaucht? Sollte man nicht sagen, daß sich Gott in diesem religiösen Gefühl selbst offenbart, wenn auch noch nicht klar? Weiter heißt es: Gott ist gleichzeitig Gegenstand und Ursache des Glaubens. In gleicher Weise muß man daher von der Offenbarung sagen, daß sie von Gott handelt und auch von ihm herrührt. Gott ist zugleich der Offenbarende und der Geoffenbarte. Auf diese Weise, ehrwürdige Brüder, kommen die Modernisten zu der absurden Behauptung, jede Religion ist zugleich natürlich und übernatürlich, je nach dem von welchem Standpunkt aus sie betrachtet wird. Aus diesem Grund gebrauchen sie Bewußtsein und Offenbarung im gleichen Sinn. Daher besagt ihr Gesetz, daß das religiöse Bewußtsein die allgemeine Norm darstellt und mit der Offenbarung auf einer Stufe steht. Ihr muß sich alles beugen, selbst die höchste kirchliche Gewalt, ob sie nun Lehren, kultische oder Disziplinarsatzungen aufstellt.
9. Eines muß jedoch bei diesem Werdegang des Glaubens und der Offenbarung, wie ihn sich die Modernisten denken, wohl beachtet werden. Für die historisch-kritischen Konsequenzen, welche sie daraus ziehen, ist dies von höchster Bedeutung. Sie reden von dem Unerkennbaren, das sich jedoch gegenüber dem Glauben nicht rein und losgelöst darbietet. Vielmehr steht es im engsten Zusammenhang mit irgendeinem Phänomen. Auch wenn ein solches in das Gebiet der Wissenschaft oder der Geschichte fällt, so ragt es doch auch wieder über dieses Gebiet hinaus. Dieses Phänomen kann eine Tatsache innerhalb der Natur sein, die jedoch wiederum etwas Geheimnisvolles in sich verbirgt, oder ein Mensch, dessen Charakter, Handlungen oder Worte sich nicht mit den gewöhnlichen Gesetzen der Geschichte in Einklang bringen lassen. Daraus resultiert, daß der Glaube, angeregt von dem Unerkennbaren, das mit dem Phänomen verbunden ist, die Gesamtheit des Phänomens erfaßt und es in gleicher Weise mit seinem eigenen Leben durchdringt. Dieser Hergang führt zu einer doppelten Folge. Zuerst kommt es zu einer Verklärung des Phänomens, indem dieses über seine wirklichen Verhältnisse hinausgehoben wird, um es für die Aufnahme des göttlichen Charakters, welchen der Glaube hineinlegt, geeigneter zu machen. Dann entsteht, wenn man es so ausdrücken darf, eine Art Entstellung des Phänomens, indem es der Glaube aus den Bedingungen des Ortes und der Zeit herauslöst und dem zuschreibt, was ihm eigentlich nicht gehört. Dies geschieht besonders bei Phänomenen, die der Vergangenheit angehören, und in einem höheren Grad, um so älter sie sind.
Daraus ergeben sich für die Modernisten zwei Kanones, die in Verbindung mit den bereits aus dem Agnostizismus gewonnenen Erkenntnissen die Grundlage der historischen Kritik bilden.
Ein Beispiel wird Licht in das Dunkel bringen. Nehmen wir die Person Christi. Es heißt, daß die Wissenschaft und die Geschichte in der Person Christi nichts anderes als einen Menschen erblicken kann. Daher ist Kraft des ersten Kanons, wie ihn der Agnostizismus diktiert, aus Seiner Geschichte alles zu streichen, was nach Göttlichem aussieht. Nach dem zweiten Kanon hat der Glaube die Person Christi verklärt. Daher ist alles, was sie über die geschichtlichen Verhältnisse erhebt, in Abzug zu bringen. Nach dem dritten Kanon wurde schließlich die Person Christi auch entstellt. Kurz gesagt bedeutet das, alles was an Seinen Reden und Taten, Seinem Charakter, Seinem Stand, Seiner Erziehung und an dem örtlichen und zeitlichen Milieu nicht stimmt, ist in Abrede zu stellen. Das Schlußverfahren ist zwar sonderbar, stellt jedoch eindeutig die Kritik des Modernisten dar.
14. Das religiöse Gefühl, wie es durch die vitale Immanenz aus den Tiefen des Unterbewußtseins entspringt, ist der Ursprung aller Religionen sowie von allem, was in jeder Religion einmal zu Tage getreten ist, oder was noch zu Tage treten wird. Am Anfang ist dieses Gefühl noch roh und sozusagen formlos. Unter dem Einfluß jenes geheimnisvollen Prinzips, welches ihm das Dasein gegeben hat, entwickelt es sich allmählich im gleichen Schritt mit der Entwicklung des menschlichen Lebens, da es selbst nichts anderes als eine Lebensäußerung ist. Das wäre die Entstehungsgeschichte einer jeden Religion, auch der übernatürlichen, da es sich bei allem nur um die Entfaltung des religiösen Gefühls handelt. Auch der Katholizismus ist davon nicht ausgenommen, da er in gleicher Weise wie alle anderen Religionen behandelt wird. Im Bewußtsein Christi, dessen Genius einzigartig ist, den niemals ein Mensch erreicht hat oder erreichen kann, ist dieser auf keine andere Weise als nur im Prozeß der vitalen Immanenz entstanden. Man ist starr vor Staunen, wenn man diese verwegenen Behauptungen und Blasphemien zu hören bekommt! Trotzdem, ehrwürdige Brüder, wagen es nicht nur Ungläubige, diese Behauptungen in die Welt zu setzen. Tatsächlich bekennen sich dazu in aller Öffentlichkeit auch Katholiken, sogar manche Priester, die mit einem solchen Wahnsinn die Kirche erneuern wollen. Dadurch wird der alte Irrtum übertroffen, wonach die menschliche Natur in einem gewissen Sinn ein Recht auf die übernatürliche Ordnung haben sollte. Vielmehr ist man sehr viel weiter gegangen. Man behauptet, unsere heilige Religion sei, im Menschen Christus und in gleicher Weise auch in uns, aus unserer eigenen Natur und ohne fremde Unterstützung geboren. Es ist nicht möglich, noch gründlicher mit der gesamten übernatürlichen Ordnung aufzuräumen. Das Vatikanische Konzil hatte daher sehr wohl begründet und bestimmt:
Wenn jemand behauptet, der Mensch kann von Gott nicht zu einer Erkenntnis oder einer Vollkommenheit erhoben werden, die über die natürliche hinausgeht, sondern er kann und muß selbst in ständigem Fortschritt schließlich zum Besitz des Wahren und Guten gelangen, der sei im Banne.
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