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LEHREN DER MODERNISTEN TEIL 2

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Deshalb ist es gut, ehrwürdige Brüder, diese Lehren zunächst im Überblick darzustellen, um aufzuzeigen, in welchem Zusammenhang sie stehen. Erst danach ist es angebracht, nach dem Grund des Übels zu suchen und die Mittel vorzuschreiben, durch welche das Unheil abgewendet werden kann.
5. Um aber in dieser schwierigen Frage schrittweise vorzugehen, merken Wir an dieser Stelle zunächst an, daß jeder Modernist sozusagen mehrere Rollen in einer Person spielt. Er ist Philosoph, Gläubiger, Theologe, Historiker, Kritiker, Apologet und Reformator. Diese Rollen müssen gut unterschieden werden, wenn man das System richtig verstehen und die Prämissen und Konsequenzen ihrer Lehren durchschauen will.
6. Beginnen wir zunächst mit der Philosophie. Das Fundament der Religionsphilosophie setzen die Modernisten in jene Lehre, die man gemeinhin Agnostizismus nennt. Ihr zufolge ist der menschliche Verstand gänzlich eingeschlossen von den Phänomenen, das heißt: von den Dingen, die in Erscheinung treten, und von derjenigen Gestalt, in welcher sie in Erscheinung treten; deren Grenzen zu überschreiten, habe er weder Recht noch Macht. Darum sei er auch nicht imstande, sich zu Gott erheben, noch dessen Existenz - auf welche Weise auch immer - aus den sichtbaren Dingen zu erkennen. Von hieraus wird argumentiert, daß Gott in keiner Weise unmittelbar Gegenstand der Wissenschaft sein könne; was aber die Geschichte betreffe, so sei Gott keinesfalls als geschichtliches Subjekt zu betrachten. - Dies vorausgesetzt, wird jedermann leicht durchschauen, was dann aus der natürlichen Theologie, was aus den Beweggründen für die Glaubwürdigkeit, was aus der äußeren Offenbarung werden muß. All das nämlich fegen die Modernisten vollständig hinweg und verbannen es zum Intellektualismus, den sie ein lächerliches, vor langer Zeit untergegangenes System nennen. Sie stören sich auch nicht daran, daß die Kirche solche Ungeheuerlichkeiten klar und eindeutig verurteilt hat.
Das Vatikanische Konzil bestimmte: Wenn jemand behauptet, der eine wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne aus den Geschöpfen durch das Licht der menschlichen Vernunft nicht mit Sicherheit erkannt werden, so sei er im Banne4. Ferner: Wenn jemand behauptet, es sei nicht möglich oder nicht gut, daß der Mensch durch göttliche Offenbarung über Gott und den ihm schuldigen Kult belehrt wird, so sei er im Banne5. Schließlich: Wenn jemand behauptet, die göttliche Offenbarung könne nicht durch äußere Zeichen beglaubigt werden, so daß man deshalb nur durch die eigene Erfahrung oder durch eine besondere Erleuchtung zum Glauben bestimmt werden kann, der sei im Banne6.
Wie nun ein Modernist vom rein negativen Agnostizismus zum wissenschaftlichen und historischen Atheismus gelangt, also zu einer positiven Leugnung, und nicht weiß, ob Gott in die Weltgeschichte eingegriffen hat oder nicht, und mit welchem Recht er nun die Schlußfolgerung ziehen darf, die Geschichte so erklären zu müssen, als ob Gott tatsächlich nicht eingegriffen habe, ist schwer verständlich.

Trotzdem steht es für die Modernisten durchaus fest, daß die Wissenschaft und die Geschichte keinen Gott kennen dürfen. In ihrem Bereich gibt es nur Phänomene, die für Gott und göttliche Dinge absolut keinen Platz haben. Daraus wird man bald eindeutig erkennen, was diese bodenlose Doktrin aus der heiligsten Person Christi, aus den Geheimnissen Seines Lebens, Seines Leidens sowie aus Seiner Auferstehung und Seiner Himmelfahrt macht.
7. Der Agnostizismus bildet jedoch nur den negativen Teil der modernistischen Lehre. Der positive Teil wird vitale Immanenz genannt. Der Übergang von einem zum anderen Teil besteht darin, daß sowohl die natürliche als auch die übernatürliche Religion, wie jede andere Tatsache auch, einer Erklärung bedarf. Nachdem man jedoch die natürliche Theologie beseitigt, durch Leugnung der Beweggründe des Glaubens zur Offenbarung den Weg versperrt und selbst jede äußere Offenbarung zu einer Unmöglichkeit gemacht hat, sucht man außerhalb des Menschen vergeblich nach einer Erklärung. Sie muß sich also im Menschen selbst finden. Da die Religion eine Lebensäußerung ist, kann die Erklärung nur im Leben des Menschen liegen. Daher kommt das Prinzip der religiösen Immanenz. Für jedes Lebensphänomen, zu dem nach dem Gesagten auch die Religion zählt, liegt der letzte Grund in einem gewissen Bedürfnis oder Antrieb. Nehmen wir jedoch das Leben im engeren Sinne, dann ist der Beginn eine Bewegung des Herzens, das Gefühl. Gott ist der Gegenstand der Religion. Daher ergibt sich die Schlußfolgerung, daß der Glaube, der den Beginn und die Grundlage einer jeden Religion darstellt, aus einem tiefen, innerlichen Gefühl bestehe, welches im Bedürfnis nach dem Göttlichen seinen Ursprung finde. Dieses Bedürfnis nach dem Göttlichen könne jedoch eigentlich nicht in den Bereich des Bewußten gehören, da es sich nur unter besonders günstigen Bedingungen rege. Vielmehr verbleibe es zunächst unterhalb des Bewußtseins. Der aus der modernen Philosophie hierfür ausgeliehene Ausdruck lautet: im Unterbewußtsein. Dort verberge sich auch seine Wurzel, die wir nicht fassen können.
Sollte jemand fragen, wie dieses Bedürfnis nach dem Göttlichen, welches der Mensch in sich verspüren soll, zur Religion wachse, dann antworten die Modernisten so: Wissenschaft und Geschichte seien, sagen sie, von zwei Grenzen eingeschlossen: von einer äußeren, nämlich der sichtbaren Welt; und von einer inneren, dem Bewußtsein. Wenn eine dieser Grenzen erreicht ist, führe kein Weg mehr weiter, denn jenseits liege das Reich des Unerkennbaren. Angesichts dieses Unerkennbaren, ob es nun außerhalb des Menschen liege und jenseits der sichtbaren Natur oder ob es innerhalb im Unterbewußtsein ruhe, errege das Bedürfnis nach dem Göttlichen in einem schon der Religion zugeneigten Gemüt ein besonderes Gefühl, so wie es der Fideismus will, ohne daß dabei ein Urteil der Vernunft vorausgehe. In diesem Gefühl ist aber die göttliche Realität als sein Gegenstand und ebenso als seine letzte Ursache enthalten. An dieser Stelle tritt der Mensch in Wechselwirkung mit Gott.
Dieses Gefühl nennen die Mondernisten den Glauben. Für sie bedeutet dieses Gefühl den Anfang der Religion.


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