Hauptmenü
THEMEN
Schließlich versuchen sie, die Autorität des kirchlichen Lehramtes mit aller Gewalt einzuschränken und herabzudrücken, indem sie auf der einen Seite seinen Ursprung, sein Wesen und seine Rechte in frevelhafter Weise verkehren und auf der anderen Seite die Verleumdungen der Gegner gegen dieses ohne Scheu wiederholen. Über die Modernisten läßt sich sagen, was Unser Vorgänger bereits in tiefstem Schmerz geschrieben hat: Um die mystische Braut Christi des wahren Lichtes der Verachtung und dem Haß preiszugeben, haben die Kinder der Finsternis sich angewöhnt, ihr öffentlich wahnwitzige Verleumdungen entgegenzuschleudern, indem sie den Sinn und die Bedeutung der Tatsache sowie auch die Worte verdrehen, sie eine Freundin der Finsternis, eine Förderin der Unwissenheit und eine Feindin der Klarheit und des Fortschrittes der Wissenschaften nennen19. Bei dieser Lage der Dinge ist es nicht verwunderlich, ehrwürdige Brüder, wenn die Modernisten den Katholiken, die entschieden für die Kirche eintreten, ihren ganzen Groll und Unwillen fühlen lassen. Ihnen wird keine Art von Beleidigungen erspart. Ständig wiederholen sie den Vorwurf der Unwissenheit und Hartnäckigkeit. Wenn ihnen die Gelehrsamkeit und Schlagfertigkeit eines Gegners Respekt einflößt, so schweigen sie wie auf Verabredung und versuchen mit dieser Haltung die Antwort wirkungslos zu machen. Katholiken auf diese Art zu behandeln ist um so mißgünstiger, als sie ihre eigenen Parteigänger zur gleichen Zeit mit maßlosen, nicht enden wollenden Lobsprüchen überschütten, und deren Bücher, die von Anfang bis zum Ende mit Neuerungen gefüllt sind, mit lautem Beifall begrüßen und bestaunen. Je kühner jemand das Althergebrachte umstößt, die Überlieferung und die kirchliche Lehre von sich weist, desto gelehrter gilt er. Wenn schließlich jemand die kirchliche Verurteilung getroffen hat, so wird er nicht nur, zum Entsetzen aller guten Katholiken, von der ganzen Schar laut und öffentlich gelobt, sondern fast als Märtyrer der Wahrheit verehrt. Die jungen Leute lassen sich schließlich von dem ganzen Lärm dieser Lob- und Schmähreden verwirren und verführen. Da sie nicht als Ignoranten gelten wollen, streben sie nach dem Ruf der Gelehrsamkeit. Gedrängt von ihrer Neugierde und ihrem Stolz lassen sie sich nur zu oft fangen und schließen sich dem Modernismus an.
43. Das gehört bereits zu den Kunstgriffen der Modernisten, um ihre Ware an den Mann zu bringen. Sie lassen nichts unversucht, um die Zahl ihrer Anhänger zu vermehren. An den Priesterseminarien und Universitäten lauern sie auf Professoren, um sie dann bald in Lehrstühle des Verderbens zu verkehren. In der Kirche tragen sie die Lehre in ihren Predigten, vielleicht auch nur in versteckter Weise vor. In Versammlungen sprechen sie freier. Bei sozialen Veranstaltungen flechten sie ihre Lehren ein und preisen sie an. Unter eigenem oder fremdem Namen lassen sie ihre Bücher, Zeitungen und Abhandlungen erscheinen. Ein und derselbe Schriftsteller benutzt häufig verschiedene Namen, um Unvorsichtige durch Vorspiegelung vieler Autoren zu täuschen. In ihrer Aktivität, in Wort und Schrift, überall, entfalten sie eine wahrhaft fieberhafte Tätigkeit. Was ist das Ergebnis?
Bedauerlicherweise ist eine große Anzahl junger Leute, welche die größten Hoffnungen erweckten und für das Wohl der Kirche so viel Gutes tun könnten, vom rechten Weg abgewichen. Auch diese Tatsache berührt Uns schmerzlich. Viele, die zwar nicht so weit gehen, wurden doch von der schlechten Atmosphäre angesteckt und haben es sich angewöhnt, mit einer Ungebundenheit zu denken, zu reden und zu schreiben, die für einen Katholiken unpassend ist. Sie finden sich unter den Laien, aber auch ebenso im Klerus. Sogar in religiösen Orden, wo man es am wenigsten erwarten sollte, fehlen sie nicht. Man behandelt die biblischen Fragen nach den Regeln des Modernismus. Schreibt man Geschichte, so stellt man, unter dem Schein der Objektivität, mit sichtlichem Vergnügen alles ans Licht, was für die Kirche einen Makel bedeuten könnte. Fromme Volksüberlieferungen versucht man nach einem vorgefaßten Urteil mit aller Entschiedenheit herabzusetzen. Altehrwürdige Reliquien gibt man der Verachtung preis. Die Eitelkeit verlangt, in der Welt von sich reden zu machen. Man ist der Meinung, dies nicht erreichen zu können, wenn man nur das wiederholt, was schon immer und allgemein gesagt wurde. Vielleicht ist man dabei sogar überzeugt, man würde Gott und der Kirche dadurch einen Dienst erweisen. Tatsächlich aber wird dadurch schwer gefehlt, nicht nur allein durch die Arbeiten selbst, sondern noch mehr durch die Gesinnung, woraus diese entstehen. Die Modernisten gewinnen dadurch in hohem Maße an Bedeutung.
44. Unser Vorgänger seligen Andenkens, Leo XIII., hat sich in Wort und Tat besonders in der Bibelfrage mannhaft gegen diesen Strom grober Irrtümer entgegengestellt, der insgeheim und offen einzudringen versuchte. Wie wir jedoch erkennen können, lassen sich die Modernisten nicht so leicht durch eine solche Abwehr abschrecken. Gegen die Worte des Papstes haben sie zwar die größte Ehrfurcht und Unterwürfigkeit zur Schau getragen, diese dabei jedoch zu ihren Gunsten verdreht und sein Einschreiten auf irgendwelche anderen Leute bezogen. Das Übel ist somit von Tag zu Tag schlimmer geworden. Deshalb haben Wir beschlossen, ehrwürdige Brüder, nicht länger zuzusehen, sondern energischere Maßnahmen zu ergreifen. Euch aber bitten und beschwören Wir, es in dieser Angelegenheit nicht an äußerster Wachsamkeit, Eifer und Festigkeit fehlen zu lassen. Was Wir von Euch wünschen und erwarten, das wünschen und erwarten Wir ebenso von den übrigen Seelsorgern, von den Erziehern und Lehrern des jungen Klerus, und in besonderer Weise von den Generaloberen der religiösen Orden.
I
45. Was zunächst die Studien angeht, so wollen und verordnen Wir in aller Form, daß die scholastische Philosophie zur Grundlage der kirchlichen Studien gemacht wird. Wenn sich allerdings etwas bei den Scholastikern findet, das allzu spitzfindig ausgeklügelt oder ohne die nötige Überlegung vorgebracht wird, oder etwas, das mit den sichergestellten Ergebnissen einer späteren Zeit nicht übereinstimmt, oder schließlich etwas, das in irgendeiner Weise unwahrscheinlich ist, so liegt es Uns durchaus fern, das unserer Zeit zur Nachahmung zu empfehlen20.
Die Hauptsache ist, wenn Wir die Beibehaltung der scholastischen Philosophie vorschreiben, so ist damit vor allem die Lehre des hl. Thomas von Aquin gemeint. Was hierüber von Unserem Vorgänger bestimmt worden ist, soll - so verfügen Wir - in Kraft bleiben. Soweit nötig erneuern und bestätigen Wir dies und geben den Auftrag, daß dies von allen genau beobachtet wird. Es ist Aufgabe der Bischöfe, zu veranlassen, falls dies irgendwo in den Seminarien vernachlässigt werden sollte, dies in Zukunft dringend zu befolgen und darauf zu bestehen. Dieselbe Vorschrift haben die Oberen der religiösen Orden zu beachten. Die Lehrer sollen darauf achten, daß man besonders in metaphysischen Fragen nie ohne großen Schaden vom Aquinaten, der Lehre des Thomas von Aquin, abweicht.
46. Auf dieser philosophischen Grundlage soll mit größter Sorgfalt das Gebäude der Theologie errichtet werden. Fördert das Studium der Theologie, ehrwürdige Brüder, soweit es in Eurer Macht steht, damit die Kleriker aus dem Seminar die größte Hochachtung und Liebe dafür mitnehmen und stets ihre Freude daran finden. Jeder weiß, daß unter allen diesen vielen Disziplinen, welche sich dem Wahrheitsdurst des Geistes bieten, der heiligen Theologie der erste Platz gebührt, so daß schon ein alter weiser Spruch besagt, es liegt an den übrigen Wissenschaften und Künsten, ihr zur Hand zu sein und ihr gleichsam die Dienste einer Magd zu leisten21. Hier fügen Wir hinzu, daß sich auch diejenigen Unsere Anerkennung verdienen, welche in aller Ehrfurcht gegenüber der Tradition der heiligen Väter und dem kirchlichen Lehramt mit dem richtigen Takt und nach katholischen Normen, was nicht in gleicher Weise geschieht, die positive Theologie durch die Ergebnisse einer Geschichte zu fördern versuchen, die wirklich diesen Namen verdient. Gewiß verlangt die positive Theologie mehr Beachtung als bisher. Darüber soll jedoch die Scholastik keinen Schaden leiden. Es sind daher alle zu tadeln, welche die positive Theologie so über alles erheben, daß daneben die scholastische Theologie gering geschätzt wird. Dadurch fördern sie die Sache der Modernisten.
47. Bezüglich der profanen Disziplinen ist es ausreichend, an das zu erinnern, was Unser Vorgänger hierzu weise bemerkt hat: Betreibt die Naturwissenschaften mit allem Eifer. Die glänzenden Entdeckungen und ihre kühnen Anwendungen, welche unsere Zeit auf diesem Gebiet aufzuweisen hat, ernten mit Recht die Bewunderung unserer Zeitgenossen und werden stets das höchste Lob der Nachwelt genießen22. Das soll jedoch ohne Benachteiligung der kirchlichen Studien geschehen, so wie dies Unser Vorgänger mit nachdrücklichen Worten betont, wenn er fortfährt: Wenn man genauer hinsieht, wird man die hauptsächliche Ursache der Irrtümer darin finden, daß bei dem eifrigen Betreiben der Naturwissenschaften in unseren Tagen die ernsteren und tieferen Studien entsprechend abgenommen haben.
Untermenü