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LEHREN DER MODERNISTEN TEIL 12

THEMEN

Darüber hinaus ist das nicht gegen die symbolische Wahrheit. Bei den Dogmen handelt es sich doch um das Unendliche, das unendlich viele Wahrheiten hat. Schließlich vertiefen sie sich im Eifer, womit sie das alles verteidigen, so daß sie behaupten, man kann das Unendliche nicht besser ehren, als wenn man Widersprechendes von ihm aussagt. Wenn also selbst der Widerspruch erlaubt ist, was ist dann nicht mehr erlaubt?
36. Wer noch keinen Glauben hat, der kann nicht nur durch objektive, sondern auch durch subjektive Beweise für den Glauben gewonnen werden. Die modernistischen Apologeten greifen zu diesem Zweck auf die Lehre von der Immanenz zurück. Dabei geben sie sich alle Mühe, den Menschen zu überzeugen, daß in ihm selbst, in den tiefsten Tiefen seiner Natur und seines Lebens, das Verlangen und das Bedürfnis nach einer Art Religion verborgen liegt - nicht nach irgendeiner Religion, sondern gerade nach einer solchen, wie es die katholische Religion darstellt. Diese werden geradezu von der vollkommenen Entwicklung des Lebens postuliert. Wir sehen Uns gezwungen, auch hier wieder Unser tiefes Bedauern auszusprechen, daß so manche Katholiken, welche die Lehre von der Immanenz als Lehre verwerfen, sie dennoch für die Apologetik verwenden. Dabei verfahren sie so unvorsichtig, daß es den Anschein hat, sie hielten eine Erhebung der menschlichen Natur zur übernatürlichen Ordnung nicht nur für möglich und entsprechend, was die katholischen Apologeten unter Einhaltung der nötigen Schranken von jeher bewiesen haben, sondern dieselbe ist ihnen im eigentlichen Sinn eine Forderung der Natur. Um genau zu sein muß man allerdings sagen, daß dieses Bedürfnis nach der katholischen Religion nur von den Modernisten herangezogen wird, die gemäßigter sein wollen. Die anderen, die man als Integralisten bezeichnen könnte, wollen dem noch nicht Glaubenden den Keim, der sich im Bewußtsein Christi fand und von ihm auf die Menschen fortgepflanzt wurde, als in seinem eigenen Inneren verborgen aufzeigen. Ehrwürdige Brüder, man sieht eindeutig, daß die kurz beschriebene apologetische Methode der Modernisten vollkommen mit ihren sonstigen Lehren übereinstimmt. Die Methode und das Lehren sind voll von Irrtümern, nicht zur Erbauung angetan, sondern zur Zerstörung, nicht um andere zu Katholiken zu machen, sondern um die Katholiken selbst in die Häresien zu stürzen, sogar um die gesamte Religion vollständig zu vernichten.
37. Nur wenig kann über den Modernisten als Reformator beigefügt werden. Das bisher Gesagte ist ausreichend, um die schrankenlose und brennende Neuerungssucht dieser Leute aufzuzeigen. Dieselbe richtet sich auf alles, was die Katholiken besitzen. Die Philosophie soll erneuert werden, besonders in den Klerikalseminarien. Die scholastische Philosophie gehört in die Geschichte der Philosophie zu den übrigen überwundenen Systemen. Dafür soll den jungen Leuten die einzig richtige und unserer Zeit entsprechende moderne Philosophie vorgetragen werden. Zur Erneuerung der sogenannten spekulativen Theologie soll die moderne Philosophie als Grundlage dienen.

Dagegen wollen sie die positive Theologie hauptsächlich auf die Dogmengeschichte gestützt sehen. Auch die Geschichte soll nach ihrer Methode und nach modernen Regeln geschrieben und gelehrt werden. Die Dogmen und ihre Entwicklung müssen mit der Wissenschaft und der Geschichte versöhnt werden. Innerhalb der Katechese sollen die katechetischen Schriften nur die Dogmen behandeln, die modernisiert sind und der Fassungskraft des Volkes entsprechen. Bei dem religiösen Kult sind die äußeren Observanzen, also die herkömmliche Befolgung der eingeführten Regeln, einzuschränken. Es ist dafür zu sorgen, daß sie nicht noch zunehmen. Andere allerdings, denen der Symbolismus mehr zusagt, sind in diesem Bereich gnädiger. Das kirchliche Regiment soll in jeder Beziehung, besonders nach der disziplinären und dogmatischen Seite, reformiert werden. Es hat sich innerlich und äußerlich ihrem modernen Bewußtsein, das ganz und gar zur Demokratie neigt, anzupassen. Der niedere Klerus und ebenso die Laienwelt müssen deshalb ihren Anteil am Regiment, also am Mitspracherecht, erhalten. Die über alle Maßen zentralisierte Autorität muß dezentralisiert werden. Die römischen Kongregationen für die verschiedenen kirchlichen Bereiche, besonders die Bereiche des heiligen Offiziums und des Index, müssen gleichfalls geändert werden. Dies betrifft auch die Haltung der Kirchenbehörde in politischen und sozialen Fragen. Sie soll sich nicht in bürgerliche Verhältnisse einmischen, sondern sich ihnen anpassen, um sie so mit ihrem Geiste zu durchdringen. Innerhalb der Moral eignet man sich den Grundsatz des Amerikanismus an. Dabei gehen die aktiven Tugenden den passiven voran. Ihre Übung muß vor den anderen gefördert werden. Vom Klerus verlangt man Demut und Armut, wie dies in der Vorzeit herrschte. Dabei soll er in Tat und Gesinnung den modernistischen Ideen folgen. Es gibt sogar solche, die als gelehrige Schüler der Protestanten wünschen, den Zölibat des Priesters aufzuheben. In der Kirche bleibt nichts übrig, das nicht reformiert werden müßte, und zwar nach ihrem Rezept.
38. Ehrwürdige Brüder, vielleicht könnte man glauben, Wir hätten Uns doch zu lange bei der Darlegung der modernistischen Lehre aufgehalten. Dies war jedoch durchaus notwendig. Auf der einen Seite, um Uns nicht, wie schon oft geschehen, von ihnen sagen zu lassen, Wir würden ihre Ansichten nicht kennen. Auf der anderen Seite wollten Wir aufzeigen, daß es sich beim Modernismus nicht um vage und unzusammenhängende Ansichten handelt, sondern um ein einheitliches und geschlossenes System, bei dem sich aus einer einzelnen Annahme notwendigerweise alles andere ergibt. Unsere Auseinandersetzung mußte daher notwendigerweise lehrhaft werden. Barbarismen, also grobe Sprachfehler, ließen sich zuweilen nicht vermeiden, da sie von den Modernisten gebraucht werden. Überblickt man nun das ganze System, so werden Wir es gewiß als eine Zusammenfassung aller Häresien bezeichnen dürfen.

Hätte sich jemand zur Aufgabe gestellt, die Quintessenz aller Glaubensirrtümer, die es je gegeben hat, zusammenzutragen, so hätte er es nicht besser machen können, als es die Modernisten getan haben. Sie sind sogar weiter gegangen als alle und haben, wie bereits bemerkt, nicht nur die katholische, sondern die gesamte Religion vollständig vernichtet. Dafür erhielten sie den Beifall der Nationalisten, die selbst erklären: Wenn sie offen und frei reden wollen, hätten sie keine tatkräftigeren Helfer finden können, als die Modernisten.

39. Betrachten wir, ehrwürdige Brüder, nochmals die verderbliche Lehre des Agnostizismus. Für den menschlichen Verstand ist durch diese Lehre jeder Weg zu Gott versperrt. Man glaubt, dafür einen besseren Weg im religiösen Gefühl und in der Aktion gefunden zu haben. Doch das ist selbstverständlich nicht richtig. Das Gefühl reagiert nur auf die Wirkung der Dinge, die der Verstand oder der äußere Sinn dem Geist vermittelt. Läßt man den Verstand beiseite, so wird der Mensch den äußeren Reizen, zu denen er sowieso geneigt ist, nur um so eher folgen. Es ist deshalb verkehrt, da alle Phantasien über das religiöse Gefühl doch den gesunden Menschenverstand nicht irre machen können. Der gesunde Menschenverstand sagt, daß jede Gemütserregung und jedes Eingenommensein keine Hilfe, sondern ein Hindernis bei der Erforschung der Wahrheit darstellt, natürlich der wirklichen Wahrheit. Die subjektive Wahrheit, die Frucht des inneren Gefühls und der Aktion, ist reine Spielerei, die dem Menschen nicht helfen kann. Ihm kommt es vor allem darauf an, ob es außer ihm einen Gott gibt, in dessen Hände er einst fallen wird oder nicht. Man ruft bei dem großen Werk auch die Erfahrung zu Hilfe. Was soll sie über das religiöse Gefühl hinaus bieten? Gar nichts! Sie kann nur das Gefühl lebhafter machen und so eine um so festere Überzeugung von der Wahrheit seines Gegenstandes hervorrufen. Das Gefühl hört jedoch deshalb nicht auf, Gefühl zu sein. Seine Natur läßt sich nicht ändern. Ohne die Leitung des Verstandes bleibt es jeder Täuschung ausgesetzt. Auch die Wirkung der Erfahrung kann es in seiner Eigenart nur stärken und fördern. Ein lebhafteres Gefühl ist darum nur um so mehr Gefühl. Wenn es sich jedoch hier, ehrwürdige Brüder, nur um das religiöse Gefühl und die darauf beruhende Erfahrung handelt, so ist Euch bekannt, welche Vorsicht auf diesem Gebiet notwendig ist und wie viel Wissen benötigt wird, um Vorsicht walten zu lassen. Dies ist Euch aus der Seelenführung bekannt, besonders bei starken Gefühlsmenschen. Ihr kennt dies auch aus Eurer Vertrautheit mit der aszetischen Litteratur, die von den Modernisten allerdings vollständig verachtet wird. Diese zeigt jedoch eine viel solidere Doktrin und eine schärfere Beobachtungsgabe, als die, deren sich die Modernisten rühmen. Es erscheint Uns eine Torheit oder doch eine höchste Unklugheit zu sein, ohne Untersuchungen solche Erfahrungen, wie sie die Modernisten verbreiten, als wahr hinzunehmen. Im Vorbeigehen möchte man fragen: Wenn diese Erfahrungen so wichtig und so zuverlässig sind, warum sollte es dann nicht ebensoviel Gültigkeit besitzen, wie wenn Tausende Katholiken ihre Erfahrung dahingehend aussprechen, daß die Modernisten sich auf einem Irrweg befinden?


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