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Hört man jedoch ihre Reden über ihre biblizistischen Studien, die es ihnen ermöglichten, alle diese Unstimmigkeiten in der Heiligen Schrift herauszuheben, möchte man glauben, daß vor ihnen kaum ein Mensch die Bibel studiert und es niemals eine Unzahl von Gelehrten gegeben hat, die sich nach allen Richtungen durchgearbeitet haben - Gelehrte, mit denen sie sich an Geist, Gelehrsamkeit und Heiligkeit des Lebens nicht im entferntesten messen können. Diese großen Gelehrten haben die heiligen Schriften niemals auch nur in irgendeinem Punkte getadelt. Im Gegenteil, je tiefer sie in dieselben eindrangen, um so wärmeren Dank haben sie Gott dem Herrn dargebracht, daß er sich gewürdigt hat, so zu den Menschen zu reden. Leider standen unseren Gelehrten bei ihrem Bibelstudium nicht dieselben Hilfsmittel zur Seite, wie sie die Modernisten heute benutzen! Das bedeutet, sie begaben sich nicht in die Gefolgschaft einer Philosophie, die mit der Leugnung Gottes beginnt. Sie stellten sich auch nicht selbst als Maßstab für ihre Urteile auf. Die Methode der Modernisten in historischen Fragen ist hiermit eindeutig. An erster Stelle steht die Philosophie, ihr folgt die Geschichte und daran schließen sich sowohl die innere Kritik, als auch die Textkritik an. Da das oberste Prinzip den untergeordneten seinen eigenen Geist mitteilt, kann offenbar diese Kritik keine reine Kritik mehr sein, sondern verdient in vollem Maß den Namen einer agnostischen, immanentistischen, evolutionistischen Kritik. Wer sie unterschreibt oder anwendet, unterschreibt auch die Irrtümer, die in ihr enthalten sind, und stellt sich damit der katholischen Lehre entgegen. Danach erscheint es sehr verwunderlich, wie eine solche Kritik in der heutigen Zeit bei Katholiken so viel Achtung genießen kann. Dafür gibt es einen doppelten Grund. Zunächst finden wir die innige Verbindung, in der die Historiker und Kritiker dieser Art über alle Schranken der Nationalität und Religion hinweg miteinander stehen. Dann finden wir die Aufdringlichkeit, mit der sie einstimmig alles als einen Fortschritt der Wissenschaft ausposaunen, was irgendeiner von ihnen an die Öffentlichkeit bringt. Kritisiert einer alleine eine derartig ungeheuerliche Neuerung, dann sieht er sich einer geschlossenen Schar gegenüber. Leugnet er sie, dann ist er ein Ignorant. Nimmt er sie an und tritt dafür ein, kann er sich ihrer Anerkennung sicher sein. Viele werden getäuscht, die sich bei genauerem Hinsehen entsetzt abwenden würden. Die übermächtige Vorherrschaft des Irrtums und der vorschnelle Beifall oberflächlicher Geister haben jedoch sozusagen eine verdorbene Atmosphäre geschaffen, die überall eindringt und die Seuche verbreitet.
34. Doch lassen sie uns zur Apologetik übergeben. Auch diese hängt bei den Modernisten in doppelter Weise von der Philosophie ab. Indirekt, weil sie ihren Stoff aus der Geschichte nimmt, die, wie bereits aufgezeigt, nach der Vorschrift der Philosophie geschrieben wurde. Direkt, weil sie daraus ihre Grundsätze und Entscheidungen bezieht. Die modernistische Schule verlangt daher ganz allgemein, daß die neue Apologetik die Streitfragen über Religion durch historische und psychologische Untersuchungen lösen muß.
Die modernistischen Apologeten erklären deshalb den Rationalisten gleich zu Beginn, daß sie die Religion nicht aus der Heiligen Schrift oder aus den Geschichtsbüchern verteidigen wollen, wie sie allgemein in der Kirche im Gebrauch sind, gearbeitet nach der alten Methode, sondern aus der wirklichen Geschichte, wie die modernen Regeln, die moderne Methode sie liefern. Daraus spricht jedoch nicht etwa die Absicht, ad hominem zu argumentieren, sondern sie sprechen aus ihrer eigenen Überzeugung heraus, daß nur diese Geschichte die Wahrheit sagen würde. Mit aller Zuversicht behaupten sie ihre Ehrlichkeit beim Schreiben. Sie sind für die Rationalisten keine Unbekannten, da sie bereits mit ihnen unter derselben Fahne gedient und dafür Anerkennung geerntet haben. Auf diese Anerkennung, die ein guter Katholik verachten würde, tun sie sich etwas zugute und halten sie dem Tadel der Kirche entgegen. Greifen wir einen aus ihnen heraus und sehen wir, wie er seine Apologetik anfaßt. Er stellt sich die Aufgabe, einen noch nicht Glaubenden dahin zu bringen, daß er über die katholische Religion zur Erfahrung gelangt, die nach den Modernisten die einzige Grundlage des Glaubens bildet. Es führt ein doppelter Weg dorthin - ein objektiver und ein subjektiver Weg. Der erste Weg findet seine Grundlage im Agnostizismus. Er läuft darauf hinaus, zu zeigen, daß in der Religion, speziell in der katholischen Religion, eine vitale Kraft liegt, die jeden vernünftigen Psychologen und Historiker überzeugt, daß in ihrer Geschichte etwas Unbekanntes verborgen ist. Zu diesem Zweck muß gezeigt werden, daß die katholische Religion in ihrer heutigen Form die gleiche ist, wie sie von Christus gestiftet wurde. Das bedeutet, daß sie nichts anderes darstellt, als die fortschreitende Entfaltung des Keimes, den Christus gepflanzt hat. Zuerst muß also die Beschaffenheit dieses Keimes bestimmt werden. Das soll die folgende Formel leisten: Christus verkündete die Ankunft eines Gottesreiches, welches in naher Zukunft errichtet werden soll. Sich selbst verkündete er als dessen künftigen Messias, also als gottgesandten Stifter und Organisator. Hierauf muß gezeigt werden, wie sich dieser Keim allmählich, stets immanent und permanent in der katholischen Religion nach der Geschichte entwickelt und den jeweiligen Umständen angepaßt hat. Dies geschah dadurch, daß er sich aus denselben alle doktrinären, kultischen und kirchlichen Formen, die ihm dienen konnten, vital aneignete und daneben alle Hindernisse, die sich in den Weg stellten, überwand, die Gegner niederwarf und alle Verfolgungen und Kämpfe überdauerte. Ist das alles aufgezeigt - Hindernisse, Gegner, Verfolgungen, Kämpfe - und ist ebenso ein derartiges Leben, eine solche Fruchtbarkeit der Kirche dargelegt, daß zwar einerseits die Gesetze der Entwicklung in der Geschichte dieser Kirche nicht durchbrochen scheinen, sie jedoch andererseits auch zu einer vollen Erklärung ihrer Geschichte nicht ausreichen, dann tritt das Unbekannte eindeutig hervor. Es drängt sich praktisch von selbst auf. Soweit der Apologet. Eine Tatsache wurde bei dieser Schlußfolgerung jedoch übersehen: Die Bestimmung des ursprünglichen Keimes rührt ganz vom Apriorismus des agnostisch-evolutionistischen Philosophen her. Dieser Keim wird von ihnen daher willkürlich so umschrieben, wie es ihrer Sache dient.
35. Während nun die neuen Apologeten mit solchen Argumenten die katholische Religion zu stützen und zu empfehlen versuchen, geben sie gerne zu, daß sich auch manches darin findet, was Anstoß erregen kann. Mit heimlicher Freude erklären sie sogar, daß sie auch im Dogma Irrtümer und Widersprüche finden. Dabei fügen sie jedoch hinzu, daß sich dies nicht nur entschuldigen läßt, sondern - merkwürdigerweise - würde dies so ganz recht geschehen. Nach ihnen findet sich in ähnlicher Weise auch vieles in der Heiligen Schrift, was wissenschaftliche oder geschichtliche Irrtümer enthält. Aber, sie sagen, es handelt sich dort nicht um Wissenschaft oder Geschichte, sondern um Religion und Moral. Wissenschaft und Geschichte sind dort nur die Hüllen, unter denen sich die religiösen und sittlichen Erfahrungen leichter unter dem Volk verbreiten lassen. Da das Volk es nicht besser wußte, hätte ihm eine höhere Stufe der Wissenschaft und Geschichte nur geschadet anstatt genutzt. Übrigens haben, nach ihrer Meinung, die heiligen Schriften wegen ihrer religiösen Natur ihr Leben notwendig in sich. Auch das Leben hat seine Wahrheit und seine Logik, die sich allerdings von der rationalen Wahrheit und Logik unterscheidet und einer ganz anderen Ordnung angehört - die Wahrheit der Relativität und der Proportion zu dem Milieu, in dem man lebt, und zu dem Zweck, für den man lebt. Schließlich gehen sie soweit, ohne Rückhalt zu behaupten, daß alles, was sich lebendig entwickelt, auch wahr und recht ist. Wir, ehrwürdige Brüder, kennen nur die eine Wahrheit und halten an den heiligen Büchern fest, weil sie auf Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben wurden und Gott zum Urheber haben15. Für Uns würde das nichts anderes bedeuten, als Gott selbst aus Rücksicht auf Interesse und Nutzen lügen zu lassen. Dann müssen Wir mit Augustinus sagen: Läßt man einmal bei dieser höchsten Autorität eine kleine politische Lüge zu, dann wird von diesen Büchern kein Stück mehr übrig bleiben, das man nicht, wenn es dem einen oder anderen schwer zu beobachten oder schwer zu glauben scheint, nach derselben schlimmen Regel mit einer Absicht oder Rücksicht des trügerischen Verfassers erklären könnte16. Dann muß es soweit kommen, wie derselbe heilige Lehrer sagt: Jeder wird von ihnen (den heiligen Schriften) glauben, was er will, und nicht glauben, was er nicht will. Unsere Apologeten gehen jedoch unbeirrt ihren Weg. Sie geben weiterhin zu, daß in der Heiligen Schrift an der einen oder anderen Stelle zum Erweis irgendeiner Lehre Erwägungen vorgetragen werden, die jeder vernünftigen Grundlage entbehren, zum Beispiel wenn man sich auf Weissagungen stützt. Auch das verteidigen sie als einen oratorischen Kunstgriff, der durch das Leben gerechtfertigt erscheint. Kann man noch weiter gehen? Sie geben zu und behaupten sogar, daß Christus sich offenbar geirrt hat, als er die Zeit der Ankunft des Gottesreiches angab. Darüber braucht man sich nach ihrer Meinung gar nicht zu wundern, denn auch er stand unter den Gesetzen des Lebens! Sie wimmeln sogar von offenkundigen Widersprüchen. Allein die Logik des Lebens läßt solche zu.
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