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Dem Modernisten ist daher die Unterscheidung zwischen dem Christus der Geschichte und dem Christus des Glaubens ganz geläufig, ebenso zwischen der Kirche der Geschichte und der Kirche des Glaubens, den Sakramenten der Geschichte und den Sakramenten des Glaubens, und in ähnlicher Weise noch vieles andere. Jedoch auch das menschliche Element selbst, das sich der Historiker aneignet, ist - wie es in den Dokumenten auftritt - vom Glauben durch die Verklärung über die historischen Bedingungen hinausgehoben. Deshalb sind die Zusätze, die der Glaube gemacht hat, auszuscheiden und an den Glauben und die Geschichte des Glaubens abzuliefern. Bei Christus zum Beispiel alles, was über die menschlichen Verhältnisse, über die Natur, wie sie die Psychologie darlegt, oder über die Verhältnisse, wie sie Ort und Zeit bestimmen, in welchen er gelebt hat, hinausgeht. Nach dem dritten philosophischen Prinzip müssen auch die Dinge noch gesichtet werden, die an sich nicht über das geschichtliche Gebiet hinausgehen. Darüber lautet jedoch das Urteil, daß es dies nicht nach der sogenannten Logik der Tatsachen geben würde, oder die betreffenden Personen hätten nicht gestimmt. All das ist auch hier zu eliminieren und gleichfalls dem Glauben zu überweisen. Danach darf Christus das nicht gesagt haben, was die Fassungskraft des zuhörenden Volkes überstieg. Alle Allegorien, die in seinen Reden stehen, werden daher aus seiner wirklichen Geschichte gestrichen und dem Glauben zugeteilt. Man möchte wohl das Gesetz kennen, wonach diese Ausscheidung vorgenommen wird. Nach dem Charakter des Menschen, nach seiner bürgerlichen Stellung, nach seiner Erziehung, nach der Gesamtheit der Umstände einer jeden Tatsache - kurz, wenn man genauer hinsieht, nach einer Norm, die schließlich rein subjektiv ist. Man versucht, sich in die Rolle Christi selbst hineinzudenken und sie gleichsam durchzuspielen. Was man selbst unter den gleichen Umständen getan hätte, überträgt man ohne Ausnahme auf Christus. Schließlich behaupten sie a priori und nach philosophischen Prinzipien, die sie wohl annehmen, jedoch gar nicht zu kennen vorgeben, in ihrer sogenannten wirklichen Geschichte, daß Christus nicht Gott ist und auch durchaus nichts Göttliches getan hat. Als Mensch hat er jedoch das getan und gesagt, was sie ihm zu tun und zu sagen erlauben, wenn sie sich in seine Zeiten zurückversetzen.
30. In gleicher Weise wie die Geschichte von der Philosophie, übernimmt die Kritik von der Geschichte ihre Schlußfolgerungen. Der Kritiker teilt seine Quellen nach den Kennzeichen in zwei Gruppen ein, die ihm vom Historiker vorgegeben werden. Was nach der dreifachen Verstümmelung noch standgehalten hat, verweist er an die wirkliche Geschichte. Der Rest geht an die Geschichte des Glaubens oder die innere Geschichte. Diese beiden Arten von Geschichte werden scharf unterschieden. Sehr wichtig dabei ist, daß die Geschichte des Glaubens der wirklichen Geschichte als solche gegenübergestellt wird. Wie bereits bemerkt, gibt es daher einen doppelten Christus - einen wirklichen und einen anderen, der in Wirklichkeit nie existiert hat, sondern dem Glauben angehört.
Der eine hat an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit gelebt. Der andere ist nur in den frommen Erwägungen des Glaubens zu finden. Ein solcher ist zum Beispiel Christus, der im Evangelium nach Johannes dargestellt wird. Dieses Evangelium ist nach ihrer Ansicht nichts weiter, als eine fromme Betrachtung.
31. Der Einfluß der Philosophie auf die Geschichte hört an dieser Stelle jedoch durchaus noch nicht auf. Wenn die Quellen in der angegebenen Weise in zwei Gruppen unterteilt sind, so erscheint wiederum der Philosoph mit seinem Lehrsatz von der vitalen Immanenz. Dabei verlangt er, alles, was die Kirchengeschichte berichtet, soll durch vitale Emanation erklärt werden. Für jede Art vitaler Emanation ist jedoch die Ursache oder die Bedingung irgendeine Notwendigkeit oder ein Bedürfnis. Daher muß man sich die Tatsache später als jene Notwendigkeit denken, und sie ist später historisch notwendig. Was tut nun der Historiker? Er geht nochmals seine Quellen durch, sowohl die, welche in der Heiligen Schrift enthalten sind, als auch jene, welche er aus einer anderen Richtung herbeigeschafft hat. Nach ihnen erstellt er eine Liste der einzelnen Bedürfnisse, die sich auf das Dogma, den religiösen Kult oder auf sonst etwas beziehen, wie sie sich jeweils nacheinander in der Kirche geltend gemacht haben. Wenn die Liste fertiggestellt ist, übergibt er sie dem Kritiker. Dieser greift dann nach den Quellen, welche für die Geschichte des Glaubens bestimmt wurden und ordnet sie nach den einzelnen Zeiträumen, so daß sie der gegebenen Liste entsprechen. Dabei vergegenwärtigt er sich immer den Grundsatz, daß das Bedürfnis der Tatsache, und diese der Erzählung vorangeht. Es kann daher zuweilen vorkommen, daß einzelne Teile der Bibel, wie zum Beispiel Briefe, selbst eine Tatsache sind, die ein Bedürfnis geschaffen haben. Wie dem aber auch sei, es bleibt das Gesetz bestehen, daß sich das Alter einer Quelle nicht auf eine andere Weise bestimmen läßt, als aus dem Alter des Bedürfnisses, welches sich in der Kirche geregt hat. Außerdem muß zwischen dem Anfang einer Tatsache und ihrer Entwicklung unterschieden werden. Was an einem Tage entstehen kann, das kann nur im Laufe der Zeit wachsen. Der Kritiker muß daher die bereits nach Zeiträumen geordneten Quellen nochmals in zwei Gruppen aufteilen, um zwischen dem Ursprung und dem zur Entwicklung gehörenden Gegenstand zu unterscheiden. Diese erhalten dann wieder ihren Platz nach der Zeitfolge.
32. Hierauf kommt der Philosoph von neuem an die Reihe. Er trägt dem Historiker auf, seine Studien so einzurichten, wie es die Vorschriften und Gesetze der Entwicklung verlangen. Der Historiker macht sich also nochmals an die Untersuchung der Quellen.
Mit Sorgfalt durchforscht er alle Umstände und Verhältnisse, in denen sich die Kirche in den verschiedenen Zeiten befunden hat, sowie die Wirkung ihres Konservatismus, die inneren und äußeren Bedürfnisse, die zum Fortschritt drängen, die Hindernisse, die sich entgegenstellen - mit einem Wort, er durchforscht alles, was in irgendeiner Weise dazu beitragen könnte, um festzustellen, wie sich die Gesetze der Entwicklung bewährt haben. Jetzt endlich entwirft er sozusagen die äußeren Umrisse der Entwicklungsgeschichte. Der Kritiker steht ihm dabei zur Seite und richtet die übrigen Quellen her. Nun geht es an die Redaktion und bald ist die Geschichte fertig. Wem, so fragen wir jetzt, ist diese Geschichte zuzuschreiben? Dem Historiker oder dem Kritiker? Keinem von beiden, sondern dem Philosophen. Alles wird a priori entschieden, und zwar nach einem Apriorismus, der voller Häresien steckt. Es kann einem um diese Leute leid tun, von dem der Apostel sagen würde: Eitel sind sie geworden in ihren Gedanken … denn da sie sich für Weise ausgaben, wurden sie zu Toren14. Wenn sie aber dann der Kirche vorhalten, sie würde die Quellen durcheinander werfen und diese so herrichten, daß sie ihr dienlich sind, fordern sie doch den Unwillen heraus. Dadurch dichten sie der Kirche an, was ihr Gewissen ihnen selbst laut vorwirft.
33. Aus der Verteilung und Anordnung der Quellen nach den verschiedenen Zeiträumen ergibt sich von selbst, daß man die heiligen Schriften nicht denjenigen zuschreiben darf, deren Namen sie tragen. Die Modernisten behaupten deshalb durchweg ganz unbedenklich, daß diese Schriften, besonders der Pentateuch und die drei ersten Evangelien, allmählich aus einem kurzen ursprünglichen Bericht entstanden sind, durch Zusätze, erklärende theologische oder allegorische Glossen oder auch durch einfache Bindeglieder zwischen den verschiedenen Teilen. Kurz und eindeutig ausgedrückt bedeutet dies, daß für die Heilige Schrift eine vitale Entwicklung anzunehmen ist, entstanden aus der Entwicklung des Glaubens und mit ihr gleichen Schritt haltend. Die Spuren dieser Entwicklung erscheinen ihnen so deutlich, daß man fast deren Geschichte schreiben könnte. Sie wird sogar wirklich geschrieben, und zwar mit einer solchen Sicherheit, daß man glauben könnte, die Schreiber hätten die Männer mit ihren eigenen Augen bei der Arbeit gesehen, welche zu den verschiedenen Zeiten ihre Zusätze zu den biblischen Büchern gemacht haben sollen. Zur Bestätigung ihrer Ergebnisse wird dann die Textkritik zu Hilfe gerufen. Es wird versucht, Beweise zu finden, daß dieses oder jenes Diktum oder Faktum nicht am rechten Platz steht, und noch mehr Beweise dieser Art. Man könnte zu der Annahme geneigt sein, daß für sie gewisse Typen von Erzählungen und Reden von vorneherein feststehen, nach denen sich mit aller Sicherheit nachweisen läßt, was am rechten Platz steht und was nicht. Wer möchte sich auf diese Art etwas von ihnen beweisen lassen?
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